
David Spring – Redakteur
Dabei seit: September 2019
Hui, was für ein Jahr! Die Welt steht jeden Tag schiefer, das Klima ist im Arsch, die Gesellschaft gespaltener denn je, überall ist der Rassismus auf dem Vormarsch und alles wird teurer. Die Subkultur stirbt immer weiter weg, Bands müssen Konzerte und Touren annullieren und Gelder für Kultur und Kunst werden gestrichen. Spotify investiert in Kriegsmaterial, Taylor Swift stösst mehr CO₂ aus als eine kleine Gemeinde in einem Jahr und die KI ist von Tilly Norwood bis hin zu The Velvet Sundown überall in unseren Gefilden angekommen, ohne noch gross von der Realität unterscheidbar zu sein. Es ist alles so ein kleines Bisschen massivstens zum Kotzen…
Nun, natürlich bedeutet dieser stete Niedergang vor allem auch viel gute, intelligente und emotionale Musik. So schlimm 2025 auf fast jeder Ebene war, so ein tolles Jahr war es für die Musik. Um nur ganz wenige zu nennen: von Alarmsignal, Winona Fighter, Fraupaul, Architects oder Drei Meter Feldweg im Frühling über Propagandhi, Kochkraft Durch KMA, Blond oder Zirka im Sommer bis hin zum unglaublichen Herbst mit The Dead End Kids, ZSK, Bad Cop Bad Cop, Günther And The Jauchs, Conjurer oder Still Talk, es war ein Jahr mit unglaublich grossartigen Releases. Insgesamt durfte ich fast 80 Rezensionen für ARTNOIR schreiben, was nicht nur ein riesiges Privileg ist (wer darf schon jedes Jahr so viele neue Bands und Artists kennenlernen?), sondern auch ein schönes Zeichen dafür, dass es der Musikwelt trotz aller Schwierigkeiten so gut geht wie noch nie. Die Musiker:innen dieser Welt sind kreativer denn je!
Natürlich gilt dies auch für die Schweiz, denn unser kleines Land boxt weit oberhalb der eigenen Gewichtsklasse, zumindest in meiner kleinen Ecke des Punks und Metals. The Attycs, Old Kids Noise, Declined, Zirka, Naufrage, The Shattered Mind Machine, Gentle Beast, Mistio, L’Arbre Bizarre, Hook Line And Sinker, Luumu und Lola Boum, um wieder nur wenige zu nennen. Sie alle haben grossartige Veröffentlichungen hingelegt. Auch hinter den Kulissen wird fleissig an unserer Szene gewerkt. Ohne die leidenschaftlichen Menschen bei Organisationen wie DMB, Humus, Inhumano, Lauter, Tourbo, Sixteentimes, Taxi Gauche, Plugout Productions, Singalong Agency, Metalmayhem, Himmeltrurig, Cheers Production/Soundmanöver und so vielen mehr würde nichts laufen. Ganz zu schweigen von all den wundervollen Leuten in all unseren Venues und Konzertlokalen, die uns Abend für Abend zum Tanzen, Moshen, Schwitzen und Pogen bringen. Danke! Die Schweizer Subkultur lebt und lärmt dank euch allen und wir können uns hier alle mal gehörig auf die Schultern klopfen.
Als frischgebackener Vater sind Konzerte bei mir natürlich etwas in den Hintergrund getreten, doch ein paar Shows gab es dann doch. Nie fehlen dürfen das Blaue Pferd im Januar und das Openair Gränichen im August. Beide machten unglaublich viel Spass, auch wenn es in der Grossen Halle der Berner Reitschule immer zu kalt und verraucht und in der Kiesgrube in Gränichen dieses Jahr ganz minim zu matschig war. Dann gab es noch das fantastische neue Yeah-Fest in Bern, auf dessen nächste Ausgabe ich mich schon freue, so wie tolle Konzerte von Propagandhi, Bad Cop Bad Cop, Acht Eimer Hühnerherzen, Landmvrks und Danko Jones. Und auch mit meiner eigenen Band Malewicz durfte ich auf vielen Bühnen stehen, unter anderem an den Earthquake und Gravel Pit Festivals, im Vorprogramm von Lagwagon im Dynamo und sogar in Frankreich. Da gibt es also nichts zu beklagen.
Somit heisst es nun herzlich willkommen, 2026. Die Welt wird wohl schon noch nicht untergehen, irgendwie kriegen wir die Kurve ja meistens. Auf jeden Fall wissen wir, dass wir die Musik auf unserer Seite haben, komme was da wolle. Lasst uns gut zueinander sein, aufeinander aufpassen und zusammen kämpfen, für eine bessere Welt, für weniger Hass und Leid, für mehr Liebe und Musik. Um einen ganz alten Hut zu zitieren, der leider immer noch wahr und relevant ist: «Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.»
Ein grosses Merci geht raus an Teo, Vivien und David von Malewicz sowie an Adi und Lucien von DMB Records. Natürlich auch ein riesengrosses Danke an das ganze wundervolle Team im ARTNOIR Musikmagazin – neu darf ich sogar im Vorstand dabei sein und hoffe da natürlich, dass ich dieser vertrauensvollen Aufgabe in 2026 gut gerecht werde. Und am allerwichtigsten ein unendliches Mega-Danke an mon Amour und meine kleine Mini-Me, die ich über alles liebe! Ihr seid die Besten der Besten der Allerbesten, ohne euch beudeutet alle Musik der Welt nichts!
Ein Jahresabschluss wäre aber kein solcher, gäbe es nicht auch noch eine kleine Best-Of-Liste. Wie immer in chronologischer/alphabetischer Reihenfolge und mit dem Hinweis, dass mein Geschmack natürlich viel besser ist als deiner!
Top Konzerte
- 25.01.2025 Fucking Angry in der Grossen Halle, Bern
Am Blauen Pferd bewiesen Fucking Angry, dass sie nicht nur genau das sind, sondern vor allem auch eine unschlagbar geniale Live-Band. Was für eine Freude! - 19.05.2025 Propagandhi im X-Tra, Zürich
Propagandhi haben in Zürich gespielt. Uhm, ja, natürlich ist das in meiner Top-Liste! Perfektion, fuck the border, I’m at peace – einfach nur Liebe für diese Band! - 02.08.2025 Future Palace im Moortal, Gränichen
Mein Gränichen-Highlight! Wie die drei einen derart bombastischen Live-Sound hinkriegen, grenzt an eine Unverschämtheit. Dank dem knöchelhohen Matsch war es ein legendäres Fest! - 12.08.2025 Landmvrks im Fri-Son, Fribourg
Keine Band bringt derzeit einen besseren Live-Sound auf die Bühne als die Jungs aus Marseille. Was für eine unglaubliche Show. Ein schwitziger Kraftakt sondergleichen, einfach genial! - 20.09.2025 Bleakness in der Cafete, Bern
Im Rahmen des tollen Yeah-Fests durfte ich diese glorreich rasante Post-Punk Truppe aus Paris entdecken. Intensiv, treibend, emotional und ganz, ganz grosses Kino!
Top Alben
- Das Aus Der Jugend – Für immer niemals sein wie ihr
Deutschland hat dieses Jahr wieder viel tolle Musik hervorgebracht und eine der schönsten Entdeckungen war diese vortrefflich wohlstandsverwahrloste Punktruppe aus Freiburg. Genial. - Die Ausreden – Menschen
Aggropop, Power-Punk, NDW oder einfach Rock. Diese noch wenig bekannte Band aus Berlin sorgt mit ihrem Debüt für reichlich Furore und macht unverschämt viel Bock. - Dagdrøm – Schauder
Das wohl gewaltigste Black-Metal-Album des Jahres. Allein der Track «Ascheregen» ist eine selten gehörte, brachiale und emotionale Wucht, doch das ganze Album hat absolut alles, was dieses Genre so erschütternd gut macht. - The Dead End Kids – The Power Of Now
Glitzerpower und Yogi-Tee? Lichtfresser, Z-Promis und Millenial Crisis? Ja, wenn das Trio Infernale abliefert, dann so richtig. Wie prophezeit mein Album des Jahres. Darum ab mit euch allen in die Fickt-Euch-Allee! - Fraupaul – Hol mir die Sterne zurück
Auf wenige Alben habe ich mich mehr gefreut als auf das Debüt von Fraupaul. Die drei Hamburgerinnen überzeugen auf jeder Ebene und liefern ein fantastisches Werk. - Günther And The Jauchs – Faszination Jachtsport
Eines der eigenwilligsten und am schwersten verdaulichen Alben des Jahres, aber halt auch eines der allerbesten. GATJ liefern ab, wie nur GATJ abliefern können. Ehret dem Gabionenzaun! - Pastor Gerald – Planet der Pfaffen
Meine Entdeckung 2025. Die Mischung aus punkiger Attitüde mit klarer Kante und der vielleicht spannendsten Gitarrenarbeit im Punk dieses Jahr macht einen Heidenspass. Unbedingt auschecken! - Propagandhi – At Peace
Keine Überraschung: Wenn die Grossmeister:innen von Propagandhi ein neues Album am Start haben, hört die Welt zu. «At Peace» ist alles, was du dir von dieser Band erhoffst. - Waumiau – Good Vibes Only
Waumiau schenken uns nicht nur ein geniales, abwechslungsreiches und unterhaltsames Album voller spitzem Humor und pointierter Wut, sondern einfach auch allerbeste Vibes. - Winona Fighter – My Apologies To The Chef
Unverschämt geniales Erstlingswerk einer Band, die alles richtig macht. In einer Zeit, in der mich US-Punk immer weniger interessiert, beweisen sie, dass manche Amis es halt doch immer noch draufhaben.
Top Songs
- Architects – Elegy
Was für ein Brett, was für ein Opener. Mit diesem kolossalen Song eröffnen Architects ihr geniales neustes Album und räumen gleich einmal alles auf. Holy f… - Blond – 16 Jahr, blondes Haar
Dieser Song macht dich fertig und lässt dir den Hass auf die Gesellschaft, das Patriarchat und all den Scheiss, den nicht cis-männliche Menschen aushalten müssen, in den Hals steigen. Heftig, aber so wichtig! - Conjurer – Let Us Live
Ein herausforderndes, monströses Hybridwesen aus sludgeigem Doom, brachialem Post-Metal und glorreichem Chaos. Ein Meisterwerk, das vieles mit dir anstellt. - Declined – Impostor
Die Hymne schlechthin für alle, die von Selbstzweifeln und dem Hochstapler-Syndrom geplagt sind. Eine Deutschpunk-Perle aus der Schweiz, wie es sie nur selten gibt. - Ell – Mein Körper, meine Entscheidung
Zwei talentierte Künstler:innen, ein 100-köpfiger Fan-Chor und eine Botschaft, die dank Social Media leider wieder viel wichtiger und relevanter geworden ist. Wundervoller Song. - Goldzilla – Friede, Freude, Pustekuchen
«Alles was ich will reimt sich auf ‘keine Polizei’» ist einfach eine der besten Zeilen des Jahres. Was für ein Banger, wie schön, sind Goldzilla noch da! - Kochkraft durch KMA – tommy@pwc.de
Wer hat brutale Sozialkritik zu ultra-tanzbaren Beats besser drauf als die Kochkraft? Der Track mit dem sonderbaren Titel ist einer der besten und inhaltlich härtesten dieser einzigartigen Band. - Madanii – Dast / دست
Persisch-berlinerische Pop-Musik einer der faszinierendsten Künstlerinnen unserer Zeit. Tanzbar, gut gelaunt und doch mit einem unfassbar intensiven, wichtigen Text. Gänsehautmoment. - Pogendroblem – Von gar nichts haben wir uns befreit
Dieser Track ist ein düsteres Meisterwerk, aber auch ziemlich harter Tobak auf einem ohnehin eher stoisch und resigniert wirkenden Album dieser fantastischen Gruppe. - Van Holzen – Gut genug
Einwandfreier Alternative Rock mit intensivem Text und einem hervorragenden Rap-Feature von Lance Butters. Wer nichts wagt, gewinnt nichts. Und Van Holzen gewinnen immer.

