
Michael Messerli – Redakteur
Dabei seit: Mai 2018
Das Jahr 2025 fühlte sich an, wie eine bereits wahrwerdende Folge von «Black Mirror». Man musste ausserdem zu oft an Margaret Atwood und ihren Roman «The Handmaid’s Tale» denken. Oder an den Song «Paroli» von Fjørt: «Auf zwei von denen/Kommen zehn von uns». Dieses Verhältnis wird leider kleiner. Also bleiben wir bitte stabil – und halten weiterhin Stand.
Die Alben des Jahres
- Die Lambrini Girls sind noch direkter als Amyl And The Sniffers und vor allen Dingen selbstoffenbarender. «Who Let The Dogs Out» klatscht mitten ins Gesicht, was einerseits sehr erfrischend ist und andererseits zum Glück ein bisschen unangenehm.
- Die Dead Pioneers bleiben die beste Antwort auf die aktuell sehr verkackte politische sowie gesellschaftliche Lage – mit Fokus auf die USA. «Po$t American» benennt in aller Deutlichkeit, was in aller Deutlichkeit benennt werden muss. Und das ist aktuell alternativlos.
- Während diese Erzählung von La Dispute zu Beginn vorwiegend konzeptionell und somit thematisch überzeugte, holt sie einen mit der Zeit immer mehr emotional ab. Zuerst schien «No One Was Driving The Car» ein Brocken, jetzt ist es ein Kloss im Hals.
- Wenn Sam Fender eine Platte voller Hits veröffentlicht, kann man sich dem kaum entziehen. «People Watching» ist das, was die Welt gerade braucht: Ein Album für alle, die richtig stehen. Und ob du wirklich richtig stehst, siehst du, wenn das Licht angeht.
- «This Is The Debut Album» steht ganz schlicht auf dem selbstbetitelten Erstling von Swim School. Dabei ist der verträumte und sehnsüchtige Indie-Rock der Band aus Schottland die Entdeckung des Jahres – mit bestem Dank ans KIFF in Aarau.
Die Songs des Jahres
- «And if I go digging/ I’ll never stop/ Fossilised nightmares in every spot». Wie Elizabeth Stokes von The Beths über ihr Innenleben schreibt, ist unerreicht. Sie war schon immer eine hervorragende Songwriterin, «Ark Of The Covenant» ist der beste Beweis.
- Wer sie kennt, diese unzähligen, ziellosen Spaziergänge, bei denen man auf die Dinge in seinem Kopf zurückgeworfen wird und sich ihnen zu stellen versucht: «W.A.L.K» von Stella Donnelly ist der schönstmögliche Soundtrack dazu.
- «I Dreamt Of A Room With All My Friends I Could Not Get In». Ein Liedname so wortreich wie das ganze Album. Aber ein Song in seiner Intensität so ergreifend, dass man exemplarisch gar nicht mehr merkt, wie sperrig La Dispute eigentlich sein müssten.
- Der Kreislauf des Lebens. Der Mensch sechs Fuss tief in der Erde, zu Staub zerfallend und alles, was bleibt, ist Liebe – oder es fängt wieder von vorne an. Van Holzen gelingt mit «Am Schluss» in etwas mehr als drei Minuten ein wundervoller Umgang mit dem Tod.
- «Isolationen» ist der traurigste Song auf einem traurigen Album. «Ein altes Selbst betrinkt sich einsam», heisst es darin. Und «Ab wann friert Heroin?», wird gefragt. Turbostaat bleiben ein Leuchtturm – und auch ein Fels in der Brandung.
- An Wet Leg gab es in diesem Jahr kein Vorbeikommen. Wie auch: Das zweite Album der Band von der Isle of Wight ist so catchy, dass man sich sogar bereitwillig dessen Fäuste einfängt («Catch These Fists»). Dabei ist doch «Mangetout» der noch grössere Hit.
Die Konzerte des Jahres
- «Mogwai Fear Satan» heisst einer der bekanntesten Songs und der Kreis schloss sich live mit «The Bad Fire». Es war laut, es war leise – und alle im Docks blieben still, liessen sich mitreissen oder waren hingerissen. Konzert des Jahrzehnts!
- Was für ein «Pogo Rodeo» auf dem bunten Pony. Die Psychedelic Porn Crumpets suchten an den Winterthurer Musikfestwochen das Gerade im Ungeraden und sprühten vor Spielfreude. Zu «March On For Pax Ramona» tanzt die Erinnerung noch heute.
- Neue Alben oder Konzerte von Turbostaat sind eigentlich arm an Überraschungen. Trotzdem hört man gespannt zu und geht da immer hin. Und jedes Mal mit einer neuen tollen Erfahrung. Zuletzt im Berner ISC. Wie schaffen die das?
- Heisse Temperaturen am PALP-Festival im Val de Bagnes – und dann brachten einen MaidaVale auch noch so krass zum Tanzen. Ihr kurzweiliger Psych-Rock passte so perfekt auf die Wald- und Wiesenbühne, dass der Merchstand danach überrannt wurde.
- Stahlberger klangen in der Kaserne Basel fantastisch. Das lag an ihrem starken neuen Album «Immer dur Nächt», an einer offenbar sehr fähigen Tontechnikperson und an ebenso sehr fähigen Musikern. Allen voran Dominik Kesseli am Schlagzeug.

