
Hannibal Verlag / ISBN: 978-3-85445-806-7
Autor: Peter Ames Carlin / Übersetzung: Andreas Schiffmann
Text: Torsten Sarfert
50 Jahre nach seinem epochalen Album «Born To Run» ist Bruce Springsteen so präsent wie nie: 2025 spielte der Boss mehr als zwei Dutzend Konzerte und veröffentlichte mit «Tracks II – The Lost Albums» eine Box mit gleich sieben Alben und aufwendig gestaltetem Zusatzmaterial. Zählt man die remasterte und «expandierte» Ausgabe von «Nebraska ’82: Expanded Edition» dazu, waren es insgesamt sage und schreibe zehn Alben mit unveröffentlichtem Material – plus ein Remaster sowie eine Blu-ray mit Live-Aufnahmen.
Dazu kamen der Kinofilm zur Entstehung von «Nebraska» namens «Deliver Me From Nowhere», zwei exklusive 7-inch-Singles für den Rolling Stone, eine gemeinsame Single mit New-Jersey-Kumpel Jon Bon Jovi sowie die digitale EP «Land of Hope & Dreams». Habe ich etwas vergessen? Ja – denn seit Ende Oktober 2025 liegt nun auch die deutsche Übersetzung von Peter Ames Carlins «Tonight in Jungleland: The Making of Born to Run» vor. Zugegeben: Der deutsche Titel «Heute Nacht in Jungleland: Bruce Springsteen und sein legendäres Album Born to Run» klingt nicht ganz so sexy. Der Inhalt ist jedoch genauso stark wie beim amerikanischen Original – nicht zuletzt, weil essenzielle Anglizismen, wo immer möglich, bewusst im Original belassen wurden.
Peter Ames Carlin, der bereits die 2013 erschienene Springsteen-Biografie «Bruce» verfasste, konzentriert sich hier – wie der Titel bereits vermuten lässt – ausschliesslich auf die Entstehung des Albums «Born to Run». Minutiös schildert er, wie Songs wie «Thunder Road» oder «Jungleland» entstanden sind: von den ersten Ideen bis zum finalen Mix. (Spoiler: Dazwischen konnte zuweilen einige Zeit vergehen.) Dabei lässt er die Lesenden die Nervosität – Springsteen stand seinerzeit unter enormem Erfolgsdruck – und die Leidenschaft der Musiker hautnah spüren.
Glücklicherweise ist Carlin stilistisch weit von einer braven «Und-danach-passierte-das»-Dokumentation entfernt und leistet es sich, spannungsfördernd auch mal durch verschiedene Zeitebenen zu springen. So gelingt es ihm, das kreative Ringen, die Selbstzweifel und die akribische bis manische Perfektion, die hinter jedem einzelnen Akkord stecken, lebendig werden zu lassen.
Wie beim oben genannten Film «Deliver Me From Nowhere» – der übrigens ebenfalls auf einer nicht minder spannenden literarischen Vorlage basiert – macht die fragmentarische Fokussierung das Buch so stark. Es vermittelt nicht nur die Entstehung eines bis heute unvergleichlichen Albums, sondern auch, warum es nichts von seiner Faszination verloren hat. Carlin beschreibt die Aufnahmen als ein intensives Zusammenspiel von Talent, Disziplin und Sehnsucht: eine Katharsis voller Herzblut, Aufbruch und unbändiger Energie, die den Mythos Springsteen – und den seiner E Street Band – greifbar macht.
Wie bei «Born to Run» letztlich die von Springsteen beschworene «Stimmung eines endlosen Sommerabends» entstand, ist nur einer der vielen faszinierenden Aspekte, die sich bei der Lektüre offenbaren. «Heute Nacht in Jungleland» ist – genau wie das dazugehörige Album – vor allem eines: leidenschaftlich, emotional und hochspannend. Peter Ames Carlin fängt die Seele dieses Albums ein und zeigt, wie aus musikalischem Ehrgeiz und kreativer Vision ein Werk von zeitloser Kraft entsteht.
Zur vollständigen Sinnesbefriedigung fehlt jetzt nur noch der Film zum Buch.
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