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Turnstile + Leprous + Scorpions + Judas Priest + VOLA + The Ocean + Stick To Your Guns + My Sleeping Karma
Rue du Champ Louet – Clisson
Samstag, 21. Juni 2025
Text: Adrian Portmann
Hardcore-Shows zum Durchdrehen, innige Wohlfühlmomente mit grossartigem Post-/Psychedelic-Rock, ein kurzer Abstecher zu legendären Altrockern und eines der für mich persönlich schönsten Konzerte des ganzen Festivals – so war Tag drei!
Was für ein Start, zu dem My Sleeping Karma uns mit ihrem mitreissenden Sound verzauberten. Das Set begann direkt mit „Brahma“, einem Song, der wie folgt aufgebaut war: drei Minuten ruhiger Aufbau, zwei Minuten Vollgas, ein kurzes Zwischenspiel und noch einmal pure Ekstase. Die Mischung aus Psychedelic- und Post-Rock machte es den Besuchern leicht, in die harmonische Klangwelt der deutschen Band einzutauchen. Jeder Songbaustein hatte seinen eigenen Reiz, mal schnell, mal langsam und das Ganze wurde durch geniale Synthieklänge perfekt untermalt. Matthias «Matte» Vandeven und Michael «Seppi» Caps, der mit seinem Look den Anschein machte, als wäre er einer heftigen Folk-Metal Band abtrünnig geworden, grinsten angesichts der riesigen Publikumsresonanz und zeigten pure Leidenschaft an Bass und Gitarre. Gleiches galt für Drummer André Stein und Norman Mehren am Soundboard, die voll in in ihrer Tätigkeit versunken waren. Nach einer Stunde war das Ganze vorbei und wir wurden sanft zurück in die reale Welt entlassen.

An diesem Tag standen zwei krasse, kurz aufeinanderfolgende Genrewechsel auf dem Programm. Der erste davon erfolgte direkt im Anschluss auf der Warzone, wo die Jungs von Stick To Your Guns loslegten. Noch leicht wehmütig, weil Stoned Jesus aus logistischen Gründen neu zur gleichen Zeit auf einer anderen Bühne spielten, war es umso erfreulicher, wie heftig die Show der Amerikaner abging. Ganz nach dem Motto: «Mehr ist Mehr» verlangte Sänger Jesse Barnett uns alles ab – mehr Circle Pits, mehr Crowdsurfer, mehr Gemoshe, mehr tanzende Menschen. Das galt volle 60 Minuten lang und mit gutem Gewissen kann gesagt werden: Die Crowd wurde diesen Anforderungen mehr als gerecht. Kein Wunder, wenn Klassiker wie «Against Them All», «We Still Believe», «Married To The Noise» und viele mehr rausgehauen werden! Zudem wurden auch Songs ihrer erst kürzlich erschienenen Platte «Keep Planting Flowers» präsentiert.

Es folgte eine kleine Pause. Zeit für kulinarische Stärkung und entspanntes Herumschlendern. Ein Ritt auf dem Riesenrad durfte dieses Jahr auch nicht fehlen. Von oben bot sich dabei eine beeindruckende Perspektive auf das weitläufige Gelände. Über die letzten Tage hinweg war es spannend zu beobachten, was sich im Vergleich zur vorherigen Ausgabe verändert hatte. Die Hauptinfrastruktur blieb zwar gleich, doch einige coole Designänderungen und Umgestaltungen fielen ins Auge: die Sphinx-Show wanderte neu auf die Death Alley, eine neue Feuershow wurde jeweils im hinteren Konzertgelände aufgeführt und in der Nähe befand sich nun auch ein stylischer, verrosteter Turm mit Uhr. Anmerkung: Detailliertere Beschreibungen zu dem visuell sehr ansprechenden Gelände sind in den Berichten vom letzten Jahr nachzulesen.

Kurz darauf ging es weiter mit The Ocean, die ein episch aufgeladenes Set mit harten Riffs und vielseitigem Gesang ablieferten. Die Band war sichtlich überwältigt von der jubelnden Menschenmasse und so gab es während der Show immer wieder wortlose Kommunikation mit dem Publikum zu beobachten, ehrlich und direkt. Dieselbe musikalische Breite zeigte sich auch bei VOLA. Die Hälfte ihres Sets bestand dabei aus Songs der neuen Platte «Friend Of A Phantom», darunter Highlights wie «Cannibal».
Bevor die nächste Band auf der Altar Stage performte, reichte die Zeit noch, um mir ein Bisschen der Shows zweier Rock-Legenden der alten Schule anzuschauen. Zwar nicht ganz meine Welt, doch es war schlicht beeindruckend zu sehen, mit welcher Energie Sänger Rob Halford und seine Mitstreiter von Judas Priest ablieferten. Besonders mit einem Alter von über 70 Jahren gesanglich noch so fit zu sein, das muss man erst mal nachmachen! Bad-Ass-Move des Abends: Halford fährt mit seiner röhrenden Harley-Davidson auf die Bühne! Als weitere Veteranen betraten kurz darauf die Scorpions als Headliner des Hellfest-Tages die Bühne und starteten mit dem Song «Coming Home». Die beeindruckenden Fakten, die zuvor in einem epischen Trailervideo präsentiert wurden: Über 5’000 Shows, 23 Welttourneen und über 83 verschiedene Länder fassen 60 Jahre Scorpions zusammen. Nach einigen Klassikern aus den gemäss Klaus Meine «Old Decades», ging es wieder zurück zur Altar Stage.

Nach diesem kurzen Abstecher folgte für mich das absolute Highlight des Festivals: eine Stunde voller persönlicher Gänsehautmomente mit Leprous. Zehn Songs, zehn nur so voll Energie strotzender Post-Metal-Stücke, die sichtlich viele Menschen im Publikum berührten, mich eingeschlossen. Die Songs boten so enorme stilistische Vielfalt und besonders der Aufbau von einigen war so virtuos, dass man kaum glauben konnte, wie jemand solchen Stoff schreiben kann und die so unterschiedlichen Teile miteinander verschmelzen.
Zunächst hatte es den Anschein, als sei der Haupt-Gesang etwas zu laut abgemischt, doch mit der Zeit wurde einem klar, dass dies ein sehr bewusst eingesetztes Stilmittel der Musik Leprous ist. Als alles umfassender Layer schwebte die Stimme von Einar Solberg über dem komplexen Sound und hielt alles zusammen. Die stimmliche Bandbreite und technische Präzision zusammen vereint, liess uns einfach staunen. Nicht ohne Grund werden Gesangsparts und teils ganze Stücke von ihm in Gesangsschulen analysiert oder als Vortragsstücke eingesetzt.

Zu den persönlichen Highlights gehörten Songs wie «Atonement», mit seinen schrillen, abgehackten elektrifizierenden Synthie-Klängen und dem wuchtigen Bass-Sound im Mittelteil. Auch «From the Flame» beeindruckte massiv. Der schnelle Aufbau in den Hauptteilen, kombiniert mit stark verzerrtem Sound, machte es unmöglich, stillzustehen. Und dann wieder Songs wie «Like A Sunken Ship», tolle Mehrstimmigkeit, brutal schön getragen vom aufgeladenen Gesang Einar Solbergs.

Nach ein paar Gesprächen mit ebenfalls überglücklichen Zuschauer verliess ich die Altar Stage und machte mich auf den Weg zur nächsten Bühne. Währenddessen klangen all die Eindrücke der vergangenen Stunde sehr intensiv nach und hörten erst auf als die Warzone-Area erreicht wurde. Dort angekommen hatten Turnstile bereits begonnen und pushten das Adrenalin der Zuschauer noch einmal ordentlich in die Höhe. Ihr Sound erinnerte ein wenig an H2O, jedoch mit einem noch härteren und aufrührerischen Grundsound, der die Menge komplett durchdrehen liess. Nach dem Konzert strömten alle glücklich zurück zum Campingplatz, wo beim Metalcorner noch lange ausgelassen zu Songs wie «À la queue leu leu» weitergetanzt wurde.

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