
Tourbo Music / VÖ: 31. Oktober 2025 / Indiefolk, Dreampop
luumu.ch
Text: David Spring
Den ganzen Tag Geballer auf die Ohren geht ans Eingemachte, darum wagen wir uns heute mal wieder in die Welt des Mundart-Kammer-Film-Pops und damit in die Welt von Luumu, dem Herzensprojekt der einzigartigen Adina Friis. Sie als Künstlerin zu bezeichnen, wird ihrem unglaublich vielfältigen musikalischen Output nur bedingt gerecht. Von Jazz-Bands über Filmmusik bis hin zu multidisziplinären Bühnenproduktionen ist der Tausendsassa in so ziemlich allem involviert, was die Welt der Musik zu bieten hat. Und nach drei englisch- und skandinavischsprachigen Alben präsentieren uns Luumu nun mit «S’goldige Rad» mutigerweise ein Werk auf Schweizerdeutsch.
Die ersten Töne des Openers «Luftballon» erwischen mich zugegebenermassen etwas auf dem falschen Fuss. Da es viel zu wenig moderne, Schweizerdeutsche Musik gibt und man sich das kaum mehr gewohnt ist, war mein erster Gedanke, dass das ganz schlimm nach klebrigem Mundart-Pop klingt. Zum Glück dauerte dieses Gefühl nur kurz, denn bald schon wähnte ich mich unweigerlich wieder in der mysteriösen Welt von Luumu gefangen. Um meinem ersten ketzerischen Eindruck gleich lachend abzutun, zerfällt der spielerisch und sympathisch klingende Song irgendwann in beunruhigende Dissonanzen, wie als Erinnerung daran, dass hier eben keine Plastik-Popmusik fabriziert wird, sondern vielschichtige, faszinierende Kunst.
Was folgt, ist schiere musikalische Lust und Freude. «Realität» holt dich zurück in ebendiese und versprüht einen düster-eindringlichen Film-Noir-Vibe. «Es Lied für d’Zyt» ist cineastisch und sphärisch emotional und «Monotonie» schwebt irgendwo zwischen Edith Piaf und Muse in ihren klassisch angehauchten Momenten. Der ausnahmsweise auf Französisch vorgetragene Gesang verstärkt diesen Eindruck noch. «Spiegelbild» wiederum wird getragen von melancholischen Geigen und einer arpeggierenden Piano-Melodie und ist für mich das heimliche Highlight der Platte. Hier ist wieder diese Disney-eske Qualität zu spüren, mit der Luumu schon auf dem Vorgänger-Album «Elephant Love Song» überzeugten. Es schwebt etwas Unheilvolles mit, wie wenn sich dir in einem sonst schönen Film auf einmal die Haare im Nacken aufstellen, weil irgendetwas nicht so ist, wie es scheint. Wahrlich grossartig.
Die Stimmung des Albums ist meist melancholisch und verträumt, als ob Luumu dich bewusst aus der tristen und beängstigenden Welt in eine alternative Realität entführen wollten, in der es noch Hoffnung und Wunder gibt. Dieser Eindruck verstärkt sich auch dank der poetischen, tiefgründigeren Texte. Die Endlichkeit, die Zeit, das Verlorensein, der Sinn und Unsinn unserer Existenz sind die Themen, die sanft, aber mit intensiver Dringlichkeit dargeboten werden. Der fast a-cappella vorgetragene Titeltrack zum Beispiel ist eine beeindruckende Zurschaustellung des kompositorischen und gesanglichen Glanzes von Adina Friis. Mit der gewagten Melodie, die gar etwas an die Welt des Jodels erinnert, lehnt sich das Quartett weit aus dem Fenster, nur um vollends zu überzeugen. Genauso, und doch völlig anders, ist «Fettnäpfli», das für einmal die Welt der Filmmusik gegen progressive Funk-Rock-Spielereien eintauscht und gar ordentlich abrockt.
Die Spannweite an faszinierender Musik ist auf «S’Goldige Rad» unerhört breit. Mit dem finalen «Schloflied für e Wirbelsturm» setzen Luumu nochmals glorreich stimmige Akzente und verabschieden uns zurück in diese verwirrende, beängstigende Welt. Es ist ein unendlich willkommenes Geschenk, mit solch magischer Musik dem Alltag entfliehen zu dürfen. Luumu sind so einzigartig, unvorhersehbar und wundervoll wie kaum eine andere Band, und Adina Friis ist wahrlich eines der herausragendsten Talente unserer heimischen Musikwelt. Möge das goldene Rad noch ein paar Runden drehen, damit wir weiterhin diesen glorreichen Klängen lauschen dürfen. Vielleicht, nur vielleicht, ist doch noch nicht aller Hoffnung Abend.

