
HWY 87 RECORDS / VÖ: 8. August 2025 / Americana, Country, Folk
hayescarll.com
Text: Torsten Sarfert
Hayes Carll zeigt sich auf seinem neuen und zehnten Album «We’re Only Human» introspektiv, stellt sich seinen Schwächen und zeigt sich dabei lern- und auch leidensfähig. Daraus entstand ein berührendes Werk, das zwischen Demut und Zärtlichkeit pendelt, dennoch mit viel Humor und immer getragen von tiefer Menschlichkeit.
Musikalisch bewegt sich Carll irgendwo zwischen Americana, Country, Folk und Gospel. Er nutzt Klavier, Pedal Steel, Mandoline, Geige, Bläser, um Stimmungen zu formen, die von sanfter Melancholie bis zu triumphaler Wärme reichen. Die Produktionen sind zurückhaltend, doch raffiniert: jedes Instrument, jede Stimme ist so platziert, dass sie den emotionalen Kern eines Songs verstärkt, statt ihn zu übertönen. Im Vergleich zu den kantigeren, gitarrengetriebenen Arrangements von «What It Is» oder den offener produzierten Americana-Sounds von «You Get It All» ist «We’re Only Human» musikalisch reduzierter, intimer und klarer auf Carlls Stimme und die Texte fokussiert.
Textlich ist «We’re Only Human» Carlls bislang persönlichstes Album. Er singt von Unsicherheit («We’re Only Human»), Selbstannahme («What I Will Be»), Reue und Wiedergutmachung («I Got Away With It», «Making Amends»), aber auch von kleinen Freuden und dem Wert des Augenblicks («Stay Here Awhile»). Carll reflektiert nicht, um zu urteilen, sondern um sich selbst und die Welt zu verstehen. Songs wie «Progress Of Man (Bitcoin & Cattle)» zeigen (s)einen scharfen Blick auf gesellschaftliche Absurditäten, doch auch dort mischt er Sarkasmus mit Empathie und erinnert dabei an das grosse Vorbild John Prine.
Besonders berührend ist das Finale: «May I Never» versammelt Freunde und Wegbegleiter, von Ray Wylie Hubbard bis Shovels & Rope, um eine regelrechte Dankeshymne zu schaffen, die er an die Gemeinschaft und deren heilende Wirkung richtet.
Im Vergleich zu früheren Alben wie «You Get It All» oder «What It Is», die oft stärker von lakonischem Humor und gesellschaftskritischen Beobachtungen getragen waren, wirkt «We’re Only Human» deutlich persönlicher. Wo Carll früher Geschichten über andere erzählte, hält er diesmal den Spiegel konsequent auf sich selbst.
«We’re Only Human» ist ein Album, das Raum lässt: für Zweifel, für Fehltritte, für Hoffnung und Verletzlichkeit. Wer offen ist, sich mit eigenen Unzulänglichkeiten auseinanderzusetzen, findet hier viel Trost und Beistand. Bestes musikalisches und mentales Balsam für verstörende Zeiten.
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