
Nettwerk Music Group / VÖ: 23. Januar 2026 / Pop, Indie
ellared.com
Text: David Spring
Ja ja, Popmusik. Und dann noch aus Texas… Muss denn sowas wirklich sein, müssen wir nicht schon genügend Absurdität aus den USA erdulden? Definitiv nicht, denn wenn etwas so gut ist wie «It’s Not Real» der jungen Künstlerin Ella Red, dann solltest du tatsächlich mal hinhören – auch wenn sonst nur Punk und Metal auf dem Plattenteller landen.
Ella Red stammt aus Dallas und ist gerade mal 22 Jahre alt. Die ausgebildete Pianistin, Gitarristin und Cellistin (!) ist inspiriert von den Grossen der Alt-Pop-Welt, von Billie Eilish über Olivia Rodrigo bis natürlich hin zu Lady Gaga. Doch ihre Musik ist mehr als nur talentiertes Tributzollen, denn die Künstlerin hat ordentlich etwas zu sagen. Sprechen wir deswegen gleich über den wohl wichtigsten Track der Platte: «He Asked For It». Hier wird die unmögliche Argumentation vieler Täter um 180 Grad gedreht, um zu zeigen, wie unsinnig und gefährlich sie ist. Die Nummer beginnt mit Body-Percussion und gehauchtem Gesang, bevor der Beat eindringlicher wird und dir Ella Red einen der besten Texte aller Zeiten zum Thema sexualisierte Gewalt und Femizid ins Gesicht schmettert. Dieser Track sollte als einer der wichtigsten Pop-Songs der letzten Jahre in die Annalen eingehen. Gänsehaut.
Doch «It’s Not Real» bietet noch viel mehr. «Predator» und das rabiate «We’re All Gonna Die» erinnern dank rockiger Gitarren und ausgefuchster Synths nicht nur an die experimentelleren Seiten von Muse, sondern lassen auch keine Zweifel an der soziokulturellen Aufgewecktheit von Frau Red. «Party Animal» wiederum könnte zumindest musikalisch gut auch aus dem Repertoire von Daft Punk stammen, lässt dich der gutgelaunte Electro-Smasher doch fest das Tanzbein schwingen, erinnert aber auch immer wieder daran, wie sehr insbesondere weiblich gelesene Menschen täglich unter dem Patriarchat leiden. Mit «Aphrodite» werden dann nachdenklichere Saiten aufgezogen und Ella Red zeigt eine intensive, melancholische Seite, die ihre mächtige Stimme wundervoll zur Geltung bringt. Noch zerbrechlicher, intimer und rührender sind dann sowohl die wunderschöne Akustikballade «Cupid» und das sich äusserst autobiografisch anfühlende «Always The Artist».
Es ist faszinierend, wie abwechslungsreich und unterhaltsam das Album ist. Eine sexy Nummer wie «Religion» wird viele Dancefloors (oder Schlafzimmer) in Wallung bringen, genauso auch das südländisch angehauchte «Ball And Chain». Speziell Letzteres ist ein heisser Track, der dich zum Schmunzeln und Shaken bringt, dabei aber nie die Message aus den Augen verliert: die Abhängigkeit von den Fesseln der Gesellschaft, die uns so überzeugend in Linie halten, dass wir inzwischen sogar stolz darauf sind und unsere gesamte Identität darauf aufbauen. Hauptsache dazugehören. Eben, wie eingangs erwähnt, ist das bei weitem nicht einfach ein weiteres, nichtssagendes Popalbum. Ella Red betrachtet unsere Welt mit wachen und kritischen Augen und gibt einen ehrlichen, ja beinahe ernüchternden Einblick in das Leben einer jungen Person in der heutigen Zeit.
Mit dem rastlosen «Spider String» und dem abschliessenden Titeltrack, der von beeindruckenden Rap-Lines über einen unwiderstehlich zurückgehaltenen Beat bis hin zu erneut grossartigen Lyrics ein letztes Mal alles bietet, was Ella Red so gut macht, geht die Platte zu Ende. Und damit musst du nun selbst entscheiden, ob du weiterhin nur Gemetzel auf die Ohren gedonnert haben willst oder ob deine Synapsen doch auch noch etwas Cleveres, Abwechslungsreiches und vor allem einfach verdammt Guten verarbeiten können. Ella Red beweist mit ihrem Debüt eindrücklich, dass mit viel Talent und Leidenschaft auch der tanzbarste Beat eine tiefgründige Message tragen kann. Und wem das dann doch alles zu viel ist – keine Sorge: «It’s Not Real». Aber real good.
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