
ANTI / VÖ: 5. Juni 2026 / Indie
deathcabforcutie.com
Text: Michael Messerli
Das Schreiben von Songs kann mit der Zeit zur Herausforderung werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Aber nicht alle geben das offenkundig zu. Ben Gibbard schon. Auch R.E.M. erwähnten mehrfach, dass das Songwriting Knochenarbeit sein kann. Die Suche nach Inspiration birgt Frustrationspotenzial. Die beiden Bands haben keine musikalische Verwandtschaft, mussten aber den Ausstieg eines wichtigen Mitglieds verkraften. Bei R.E.M. war es Schlagzeuger Bill Berry und bei Death Cab For Cutie Chris Walla, der die Alben seiner Band bis dahin produzierte. Das kann die DNA einer Gruppe verändern – und das tat es auch. Wobei Death Cab For Cutie schon mit «Codes and Keys» einen Umbruch einläuteten, der – noch mit Chris Walla – nicht durchgehend gelungen ist. Für das nun elfte Album «I Built You A Tower» scheint die Inspiration zurück. Man könnte aus einer alten, verklärten Indie-Romantik heraus behaupten, der Grund dafür sei die schwierige Scheidung, die Ben Gibbard hinter sich hat. Das wäre aber nicht ganz fair, weil bereits der Vorgänger «Asphalt Meadows» die Entwicklung in einen zweiten Frühling wies. «I Built You A Tower» klingt nun mehr nach Herbst. Denn die Dinge sind am Welken.
So richtig startet das Album erst mit dem in der Strophe fast schon wütenden «Punching the Flowers». Eine Punktlandung und die Messlatte für alles, was danach kommt. Dem sind «Pep Talk» und besonders das titelgebende «I Built You A Tower (a)» gewachsen. Ab hier ist auch der Rahmen definiert: Die negativen Gedanken, die sich auftürmen und unerledigt bleiben. Klingt erstmal happig, hat aber auch einen konstruktiven Aspekt: Der Turm ist der nötige Stauraum, damit diese Dinge nicht dauernd im Blickfeld sind. Man kann sich auch später darum kümmern. Wenn man es dann tut. Kümmern ist jedoch ein gutes Stichwort, weil der Kummer sich letztlich durch jeden Spalt dieses Albums zwängt, das trotzdem überhaupt nicht schwermütig geworden ist. Es ist eher nachdenklich. Und nachdenken kann Ben Gibbard in seinen Texten hervorragend. Einzig im Refrain von «The Flavor of Metal» gewinnt der Indie-Pop seine einzige Schlacht. Das ist in dieser Dosis tatsächlich absolut in Ordnung.
Zuerst wird es mit «How Heavenly A State» aber wieder kantiger. «I Built You A Tower» driftet nicht ab, hält einen gewissen Fokus aufrecht und wirkt recht kompakt. Es ist kein klassisches Trennungsalbum und es bringt Death Cab For Cutie zurück zu ihren Indie-Wurzeln. Das spürt man bei der Produktion und der Wechsel zum Indie-Label ANTI ist kein Zufall. Die Jubiläumstouren zu «Transatlanticism» und mit The Postal Service scheinen ihre Spuren hinterlassen zu haben. Bemerkenswert ist das Ende mit «I Built You A Tower (b)». Ben Gibbard nimmt das Kernthema nochmals auf, verzichtet auf einen versöhnlichen Abschluss und wirkt erschöpft: «It makes me tired/ So tired». Wie ein Cliffhanger hallt dieser Schlusspunkt nach. Das ist angemessen, denn der ganze Turm muss ja irgendwann abgebaut werden. Wir drücken ihm an dieser Stelle die Daumen, dass er das hinkriegt – und sollte daraus das nächste tolle Album entspringen, stört uns das auch nicht.
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