
Warp Records / VÖ: 29. Mai 2026 / Electronica
boardsofcanada.com
Text: Torsten Sarfert
Es beginnt wie ein Déjà-vu. Irgendwo in den hintersten Winkeln des Gedächtnisses flackern Bilder auf, die nie wirklich da waren. Das Rauschen eines Röhrenfernsehers. Verblasste Super-8-Aufnahmen. Dann schiebt sich ein dumpfer Beat darunter, Stimmen tauchen auf wie Geister aus einer anderen, analogen Zeit: Boards Of Canada sind zurück. Ob aus der Vergangenheit oder einer postapokalyptischen Zukunft – beides ist denkbar.
Nach dreizehn Jahren Sendepause lassen Michael Sandison und Marcus Eoin keine Missverständnisse zu und präsentieren ihr neues Album «Inferno». Die Hölle. Kleiner geht es nicht – selbst wenn hier keine Flammen lodern. Das Inferno von Boards Of Canada glimmt unter der Oberfläche einer Welt, die ihren Kompass verloren hat. Es frisst sich langsam durch Erinnerungen, Wahrheiten und Gewissheiten, bis nur noch flackernde Schatten bleiben.
Verstimmte Synthesizer, brüchiges Bandrauschen und ausgebleichte Texturen – seit jeher Markenzeichen von BOC – gehören längst zum Vokabular moderner Elektronik. Viele haben den Sound kopiert, kaum jemand jedoch seine Seele erfasst oder eine derartige Tiefe erzeugt. Wie das schottische Brüderpaar Emotionen konserviert und musikalisch erlebbar macht, ist nach wie vor einzigartig.
Wo «Music Has the Right to Children» oder «The Campfire Headphase» noch zwischen Licht und Schatten schwebten, herrscht auf «Inferno» permanente Unruhe. Die Beats sind dichter, nervöser, die Stimmen flüstern, predigen und überlagern sich zu einem gespenstischen Stimmengewirr.
Deutlicher als je zuvor richtet sich dieser Blick auf die Gegenwart. Digitaler Dauerlärm, Manipulation und kollektive Verunsicherung liegen wie giftiger Nebel über dem Album. Politisch wird «Inferno» nie plakativ. Die Botschaften bleiben so rätselhaft wie die Musik. Gerade deshalb wirken sie nach und erfüllen mit wohligem Unbehagen.
«Inferno» erzeugt einen düsteren Sog aus Erinnerung, Paranoia und unterschwelliger Apokalypse. Boards Of Canada geben auch nach dreizehn Jahren keine klaren Antworten. Brauchen sie auch nicht. Mit «Inferno» haben sie den ultimativen Score zum momentan ablaufenden Film einer dystopischen Welt erschaffen – und machen diesen dadurch vielleicht ein wenig erträglicher.
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