
Hannibal Verlag / ISBN: 978-3-85445-816-6
Autor: Steven Hyden / Übersetzung: Marion Ahl
Text: Torsten Sarfert
Schon wieder Springsteen. Wurde über den Boss nicht schon alles gesagt? Ja und nein, denn es gibt natürlich die nüchternen Fakten zu Veröffentlichungen, Konzertankündigungen und dergleichen. Aber es gibt auch die emotionalen Einordnungen und Betrachtungen von Fans und Wegbegleitenden, die weit über diese Fakten hinausgehen und die Magie hinter dem überlebensgrossen und doch von Selbstzweifeln geplagten Stadionrocker Bruce Springsteen verständlich machen.
Musikkritiker und Autor Steven Hyden ist (auch) ein Fan. Dank seiner langjährigen journalistischen Tätigkeit – unter anderem für den Rolling Stone – erwartet die Lesenden von «Bruce Springsteen – Born in the U.S.A. – Soundtrack einer Generation» jedoch kein umständliches Nerd-Geschwurbel, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit Springsteens Musik und seiner Karriere anhand des Albums «Born in the U.S.A.». Hyden geht den Fragen nach, «weshalb Springsteen dieses Album gemacht hat, wie es sich auf die amerikanische Kultur ausgewirkt hat und welche Bedeutung es Jahrzehnte später noch besitzt».
Seine anspruchsvolle Vorgabe erfüllt Hyden mit journalistischer Bravour. Sein Buch ist selbst für eingefleischte Springsteen-Fans überraschend informativ und mitreissend, ohne in peinliche Fantümelei abzurutschen. Er beschreibt beispielsweise, wie die musikalische Ausrichtung des Albums dafür sorgte, dass die Blutsbrüderschaft zwischen Springsteen und Sidekick und E-Street Gitarrist Little Steven tiefe Risse erhielt, warum viele Fans – inklusive des Autors selbst – zunächst enttäuscht waren und sowohl das Album als auch Springsteen politisch missverstanden wurden. Selbst die Songauswahl sorgte für Auseinandersetzungen zwischen Künstler, Band und Produzent und konnte letztlich erst mit einem Machtwort besiegelt werden. Viele der Songs, die es aus subjektiven Gründen nicht auf das Album geschafft hatten, fanden sich später auf diversen Kompilationen wieder – man fragt sich unwillkürlich, warum und ob Springsteens Karriere anders verlaufen wäre, hätte man sich für andere Songs entschieden. Hyden geht dazu ausführlich und erhellend auf Bedeutung und Kontext aller Songs ein.
Zusammen mit klugen soziopolitischen Rück- und Ausblicken auf die US-amerikanische Popkultur rechtfertigen allein diese Geschichten den Erwerb des Buches, in dessen Verlauf über ein halbes Jahrhundert mit dem Boss ein- und zugeordnet wird. Darüber hinaus animieren sie zur eigenen musikalischen Interaktion, wenn Hyden mehrere alternative Tracklists zu «Born in the U.S.A.» in den rot-weiss-blauen Ring wirft. Plötzlich befindet man sich mitten im Sog der fast fieberhaften Schaffenskraft des Arbeiterkindes aus New Jersey, dessen unvergleichliche Geschichte hoffentlich noch lange nicht abgeschlossen ist.
Ich habe mir im Zuge dessen jedenfalls gleich mit den übrig gebliebenen Songs meine ganz persönliche Version eines Springsteen-Albums zusammengestellt. Denn selbst wenn über Springsteen irgendwann alles gesagt sein sollte – genug von ihm hören wird man wohl nie können.
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