
Dalliance Recordings / VÖ: 29. Mai 2026 / Indie
francisofdelirium.com
Text: Michael Messerli
Das zweite Album von Francis Of Delirium ist selbstbewusster. Wenn das Debüt «Lighthouse» das Zimmer einer Teenagerin war, dann ist «Run, Run Pure Beauty» ihre erste eigene Wohnung – mit einer beachtlich stilvollen Inneneinrichtung. Da hat sich etwas getan, insbesondere auch bezüglich des Gesangs, der gerne mal in höhere Gefilde abhebt. Jana Bahrich hält sich mit ihrer Stimme und ihren Songs nicht mehr zurück. Mit Chören, Streichern und Bläsern wird es zuweilen gar orchestral. Bestes Beispiel ist der Titeltrack. Ihr Hauptmitstreiter Chris Hewitt ist zugleich Schlagzeuger und Produzent, also hauptverantwortlich für den tollen Klang. Aber hat «Run, Run Pure Beauty» auch so viele Hits wie «Lighthouse»?
Leider nein, was vor allem daran liegt, dass das letzte Drittel in sich zusammenfällt und so den Gesamteindruck trübt. Die ersten vier Songs überzeugen dagegen mit einem souveränen Selbstverständnis, das in «Higher» gipfelt, einem Stück für die grosse Bühne. Wo man bei «Out Tonight» Assoziationen mit Lucy Dacus hatte, denkt man bei «Higher» eher an The Last Dinner Party oder Haim. Inhaltlich bleibt es nach wie vor ein wenig dünn, der Herzschmerz weicht dem Weltschmerz, die Emotionalität einer gewissen Theatralik. Im Zentrum steht die unberührte Natur, die vielleicht auch nach der Menschheit wieder Einzug halten wird. Zuerst aber kommt der Sturm: «If the tides are gonna change/ If the winds are gonna shake».
Das Ganze löst sich jedoch auch in «Requiem for a Dying Day» nicht ganz auf. Dazwischen das schmissige sowie gelungene «Little Black Dress». Die Querbezüge bleiben vage. Der klügste Text hat «Aliens», den griffigsten das kleine Highlight «Sucker Punch». Beide Lieder hätten prima auch auf das Debüt gepasst. Wie soll man also «Run, Run Pure Beauty» einordnen? Es ist abgeklärter, traut sich mehr zu und entwickelt das Potenzial von «Lighthouse» punktuell weiter, kann aber mit zunehmender Dauer nicht verheimlichen, dass etwas die Orientierung fehlt. Wohin Francis Of Delirium steuern, steht noch nicht fest. Das ist völlig legitim und als Fazit auch eine schöne Feststellung: Sie probieren sich noch ein bisschen aus.
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