
Epitaph Records / VÖ: 3. Oktober 2025 / Post-Hardcore, Alternative
thrice.net
Text: Michael Messerli
«Before the sun goes down». Die Trackliste verrät es: «Blackout», «Dusk» oder «Vesper Light». Während auf dem Schwesternalbum «Horizons/East» das Licht noch expandierte, tun es jetzt die Schatten. Nicht ein paar Stunden später, sondern fast genau vier Jahre dauerte es dafür – und was in diesen Jahren passieren würde, konnten Thrice natürlich nicht ahnen. Aber letztlich ist «Horizons/West» ein Zeitzeugnis dessen, was wir gerade erleben. Auch wenn die Texte diesbezüglich wenig explizit sind und dieser kurze Albumzyklus nicht so angedacht war. Man kann Kriegsverbrechen, Krisen und aufkommenden Rechtsextremismus beim Hören von solcher Musik nicht ausblenden. Und Thrice sind keine Band, die dies beim Schreiben ihrer Songs tun würden. Das mündet in einer dunklen Färbung sowie in einem erdigen, tonnenschweren Klang. «Horizons/West» besteht aus tollen Liedern, aber vor allem die eigene Produktion ist überragend.
Da, wo einige andere mehr oder weniger artverwandte Bands ihre Alben in einer sterilen, cleanen Welt aus digitalen Tools verhungern lassen, beweisen Thrice, was seit jeher in ihnen steckt: Sie sind ein selbstbestimmtes, stilsicheres Kollektiv, das man im Gesamtwerk sowie mit allen Facetten (zu denen auch das Cover gehört) erfassen muss. Selbst wenn natürlich – wie in diesem Fall – die einzelnen Platten wunderbar für sich alleine funktionieren oder einzelne Songs wie das mitreissende «Holding On» oder das etwas freier atmende «Albatross». Letzteres reiht sich dank seinem Refrain in den langen Reigen grosser Thrice-Hymnen ein. Das Album sei auch beeinflusst von dem 2023 nochmals neu eingespielten «The Artist In The Ambulance». Das hört man unter anderem in «Crooked Shadows».
Mit «Horizons/West» tappt man nicht in die Optimismusfalle. Bereits «Blackout» und «Gnash» versprühen wenig Hoffnung, sind eher schwerindustrielle Maschinen, die verbrannte Erde hinterlassen. Sie legen eine Schicht Russ und Asche auf das, was folgt. «Vesper Light» packt gar einen Tool-Gedächtnis-Basslauf aus – und das nachdem mit «Distant Suns» nochmals kurzweilig das Tempo angezogen wurde. Thrice haben das Erhabene ebenso wenig verlernt, wie sie die Liebe zum Detail nie verlieren. Mag sein, dass alternative Rockmusik nicht mehr die gleiche breitenwirksame Relevanz hat wie in ihren Anfangstagen. Aber solange es noch Bands gibt, die einen solchen Sog entwickeln, gibt es keinen Grund zur Klage. Diese Gründe liefern aktuell gerade andere lichtentziehende Zeitgenossen.

