
Montag, 16. März 2026
Mat Osman (Bass)
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Gespräch: Anna Wirz
Die britische Band Suede spielt am 28. März 2026 im Docks, Lausanne und am 29. März 2026 im X-TRA, Zürich zwei Konzerte in der Schweiz. Gegründet wurde die Band Ende der 1980er Jahre von Sänger Brett Anderson und Bassist Mat Osman und prägte mit ihrem Mix aus Glam-Rock, Pop und melancholischen Texten die 1990er. Songs wie «Animal Nitrate», «Beautiful Ones» oder «So Young» machten sie zu Ikonen der britischen Musikszene. Nach einer Pause in den 2000ern veröffentlicht Suede seither regelmässig Alben und durchlebt eine besonders kreative und erfolgreiche Phase. Nun ist die Band mit ihrem zehnten Studioalbum «Antidepressants» auf Tour. Zwischen zwei Konzerten auf der Europatournee sprachen wir mit Mat Osman über Spannungsfelder, wie man sich selbst Fallen legt, und warum Tränen das höchste Kompliment sind.
Anna: Mat, danke, dass du dir mitten während der Tour Zeit für dieses Gespräch nimmst! Hast du schon komplett das Gefühl für Zeit und Raum verloren?
Mat: Ja, ziemlich. Ich vergesse ständig, in welcher Sprache ich gerade reden soll. So viele «Por favors» und «Gracias» und «Dankeschöns». [lacht]
Ihr seid zur Zeit mit eurem neuen Album «Antidepressants» unterwegs. Welcher der neuen Songs hat dich live am meisten überrascht – sei es wegen der Publikumreaktion oder einfach, weil es besonders Spass macht, ihn zu spielen?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es ist «June Rain», weil der Song ziemlich zart ist und sich ganz langsam aufbaut. Solche Stücke können im Strudel einer Live-Show leicht untergehen. Aber er funktioniert überraschend gut.
Normalerweise haben wir auf der Bühne eine richtig direkte, körperliche Show, und das Publikum geht da voll mit. «June Rain» ist einer der wenigen Momente, die ganz anders sind. Ich schaue während des Songs oft ins Publikum und sehe Leute, die sich umarmen oder sogar weinen. Das ist schön – diese Zartheit funktioniert auch live.
«June Rain» ist einer meiner Lieblingssongs auf dem Album. Erinnerst du dich noch, wie er entstanden ist und wie er sich beim Schreiben entwickelt hat?
Das war ein wirklich seltsamer Song. Wir hatten ihn schon früh, aber am Anfang war er eine etwas flache Ballade. Wir haben die Melodie geliebt, wussten aber nicht so recht, was wir damit anfangen sollten. Dann kam Ed [Buller], der Produzent, und meinte: «Lasst uns das Lied fast lautlos starten.» Brett [Anderson, Sänger] spricht die erste Strophe und den Refrain – und das eine Oktave tiefer als sonst. Ed hat uns dann dazu gebracht, den Song Schritt für Schritt aufzubauen. Ich bin so froh, dass er das durchgesetzt hat – dadurch fühlt sich der Song sehr natürlich an. In «June Rain» steckt eine Traurigkeit und ein langsam wachsender Schrecken. Erst jetzt passt die Musik wirklich zu dem, was der Text erzählt.
Das Album startet mit «Disintegrate». Ich mag es, wie der Song mit dieser digitalen Stimme beginnt, die «connected… disconnected…» sagt. Und dann setzt die Musik ein, die sehr menschlich klingt, sehr dringlich, mit diesem treibenden Beat. Wann ist dieser Song im Schreibprozess entstanden?
Relativ spät, und auch dieses Framing – also «connected… disconnected…» und die aufgezeichneten Nachrichten, die sich durchs ganze Album ziehen – kam wirklich erst ganz am Schluss dazu. Vieles auf dem Album ist stark vom Touren geprägt; besonders von der Tour zum vorherigen Album, weil das so eine direkte und lebendige Platte war. Die Konzerte fühlten sich irgendwann viel feierlicher und gemeinschaftlicher an, als sie es lange Zeit gewesen waren. Ich glaube, das ist direkt ins Songwriting eingeflossen.
Man merkt auf Tour extrem, dass man die Hälfte seines Lebens in dieser völlig abgekoppelten digitalen Welt verbringt – wir sind da genauso drin wie alle anderen. Ständig am Handy, am Laptop, bei Google Translate für dies und das. Und dann haben wir jeden Abend anderthalb Stunden lang plötzlich diese intensive menschliche Verbindung: Leute weinen, schwitzen, tanzen, umarmen sich, und danach reden wir mit ihnen. Ich glaube, das ganze Album handelt von diesem Spannungsfeld zwischen menschlicher Verbindung und einer immer stärker zersplitterten, entkoppelten Welt draussen.
Als Brett «Disintegrate» geschrieben hat, war schnell klar, dass das die erste Single wird. Es gibt einfach Songs, bei denen man beim Schreiben sofort merkt: Hier wird das Publikum mitsingen. Und inzwischen schreiben wir eigentlich immer mit dem Publikum im Hinterkopf. Es hat etwas unglaublich Charmantes und Eigenartiges, wenn 5’000 Leute «Come down and disintegrate with me» singen und dabei riesig grinsen. Der Song handelt vom Älterwerden und vom Zusammenbruch, aber gleichzeitig ist er total gemeinschaftlich. Dieses Hin und Her finde ich spannend.
Und zu dieser gemeinschaftlichen Erfahrung gehört natürlich auch die Setliste. Ihr habt einen riesigen Songkatalog – wie lange feilt ihr an der Setliste, bevor ihr auf Tour geht?
Ewig! Aber ehrlich gesagt, die ersten Konzerte zeigen dir ganz schnell, was funktioniert und was nicht. Wir haben immer diese grossen Pläne, welche Songs wo stehen sollen – und nach zwei, drei Shows merken wir: «Ah, okay. Da gehört dieser Song hin. Der funktioniert. Der eher nicht.» Es gibt zum Beispiel Songs wie «Dancing With the Europeans», der ist auf dem Album eine Art Herzstück. Live zündet er aber nicht so wie «Antidepressants» oder «Disintegrate». Also machen wir vieles spontan.
Brett ist besessen von Setlisten und schickt immer wieder neue Versionen herum, bis wir irgendwann sagen: «Sag uns einfach [was wir spielen sollen, wir machen’s].» Auf der UK-Tour haben wir 70 verschiedene Songs gespielt.
Wow.
Es gibt natürlich sowas wie ein Grundgerüst der Tour, das sich nicht ändert. Aber wir versuchen, immer wieder neue Sachen einzubauen. Zum einen, weil es Leute gibt, die wirklich zu jeder Show kommen. Ich weiss von Fans, die dieses Jahr schon 30 Konzerte gesehen haben, in Grossbritannien und Europa. Also variieren wir ein bisschen. Aber auch einfach, damit es für uns selbst spannend bleibt. Wenn Live-Musik zur Routine wird, stirbt sie ein bisschen, finde ich. Manchmal legen wir uns selbst kleine Fallen: «Heute spielen wir einen Song, den keiner von uns seit 25 Jahren angefasst hat.» Das ist immer gut.
Was gibt dir heute noch dieses Gefühl von Vorfreude oder Aufregung vor dem Auftritt? Ist es die Ungewissheit, wie das Publikum reagieren wird, oder dass ihr – wie du sagst – einen Song spielt, den ihr ewig nicht mehr gespielt habt?
Es ist das Publikum. Alles andere ist gar nicht so wichtig. Klar, es ist schön, wenn der Sound gut ist und die Bühne toll und der Ort gross – aber letztlich zählt das Publikum. Wenn das Publikum nicht mitmacht, kann man nichts machen. Wir können noch so gut spielen – aber was ein Konzert besonders macht, entsteht durch die Interaktion mit den Fans. Darauf läuft die ganze Spannung hinaus: «Wie wird das Publikum heute? Welche Songs funktionieren? Wie machen wir den Abend unvergesslich?»
Wie war das bei der Albumaufnahme – war von Anfang an klar, dass «Disintegrate» der Opener wird?
Meistens ist das ziemlich schnell klar. Es ist normalerweise ein Song, der Energie hat und das Album einrahmt. Wir hatten «Broken Music for Broken People», und da stand kurz im Raum, ob das der Opener sein könnte. Aber in dem Moment, als wir «Disintegrate» geschrieben haben, war es klar. Brett hat mir den Song gemailt und geschrieben: «Den proben wir nächste Woche.» Und ich wusste schon nach ungefähr 45 Sekunden: «Der Song ist grossartig. Den Rest muss ich gar nicht hören.»
Du hast ja auch Bücher geschrieben. Ist es vergleichbar, den Opener für ein Album festzulegen und den ersten Satz eines Romans zu schreiben? Oder sind das zwei völlig verschiedene Welten?
Weisst du was? Das ist tatsächlich ähnlich. Gerade im Streaming-Zeitalter sagen sich viele Leute: «Oh, eine neue Suede-Platte. Ich hör mal kurz den ersten Song und schau, ob mir das gefällt.» Genau wie im Buchladen: Die Leute schlagen dein Buch auf, lesen die erste Seite und denken entweder «Boah, nee» oder «Wow, das will ich lesen». Der Anfang ist wie eine Visitenkarte. Da braucht es einfach etwas, das sofort fesselt.
Gibt es einen Song auf dem Album, der keine Single ist, den du den Leuten besonders ans Herz legen würdest?
Ich glaube, es ist tatsächlich «June Rain». Darauf bin ich wirklich stolz. Der Song lebt nicht von Lautstärke oder Tempo, sondern ist einfach sehr schön in sich geschlossen.
Was war auf dieser Tour das schönste Kompliment, das du für eure Musik bekommen hast?
Komplimente oder Kritiken sind mir eigentlich gar nicht so wichtig. Am schönsten finde ich es ehrlich gesagt, wenn Leute weinen. Das ist für mich wertvoller als jeder Beifallssturm. Auf dieser Tour passiert das bei «She Still Leads Me On». Bei diesem Lied sehe ich oft Leute, die einfach still für sich sind und kurz in sich gehen. Das liebe ich.
Jemand hat mal über meine Bücher gesagt: «Du hast mich zum Weinen gebracht.» Und ich so: «Danke!» Es gibt nicht viele Berufe, bei denen das ein Kompliment ist. [lacht]
Stimmt. Aber bei Musik auf jeden Fall.
Genau, so etwas kann man nicht vortäuschen.
Ich freu mich sehr, euch bald in der Schweiz live zu sehen. Mat, danke für deine Zeit und eure Musik!
Danke dir. Hat mich gefreut, mit dir zu sprechen.

