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Lucinda Williams – World’s Gone Wrong

21/01/26
von Torsten Sarfert

Lucinda Williams - World's Gone Wrong

Thirty Tigers / VÖ: 23. Januar 2026 / Americana
lucindawilliams.com

Text: Torsten Sarfert

Lucinda Williams hätte sich kaum einen treffenderen Titel für ihr neues Album aussuchen können: «World’s Gone Wrong». Schon die ersten Tage des Jahres 2026 liefern weiteres, trauriges Zeugnis dafür. Es sieht nicht gut aus für diese Welt und machen wir uns nichts vor: Das wird sich so schnell kaum ändern. Doch Probleme totzuschweigen oder wegzulächeln hat noch nie etwas gebracht und wird es auch in Zukunft nicht. Missstände und deren Verantwortliche müssen benannt und zur Rechenschaft gezogen werden. Genau dort setzt die preisgekrönte Songwriterin an. Schonungslos zeichnet sie das Bild einer Nation, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist – und fängt gleichzeitig die inneren Erschütterungen der Menschen ein, die sie bevölkern.

Gleich der Titeltrack «The World’s Gone Wrong» skizziert ein Amerika, das nicht mehr weiss, ob es Traum oder Albtraum lebt. Eine Krankenschwester und ein Autoverkäufer ringen um Würde und um die Kraft, Nachrichten überhaupt noch aufnehmen zu können, angesichts einer Realität, die längst zur Horrorvision verkommen ist. «Come on baby, we gotta be strong» ist da weniger Trost als ein stählerner Durchhaltebefehl.

«Something’s Gotta Give» bringt die Stimmung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf den Punkt: Wut, Frust, Ohnmacht. Zuviel Druck im System, kurz vor dem Bersten. Fast körperlich spürt man die bleierne Schwere des zweiten Trump-Debakels, die als Subtext durch diesen düsteren Heartland-Blues-Rocker kriecht: «Too much pain / The spirit’s gonna break / Something’s gotta give.» Die Botschaft ist klar: Irgendwo muss sich etwas bewegen.

Doch niemand hält diesem Druck dauerhaft stand – wären da nicht die Inseln der Kraft. Davon erzählt die fast grotesk hoffnungsvolle Uptempo-Ballade «Low Life». Eine Bar, billige Drinks, schales Licht – manchmal braucht es genau das, um Schmerzen kurz wegzuspülen und die Batterien wieder ein wenig aufzuladen. Überlebenswichtiger Eskapismus.

In «How Much Did You Get For Your Soul?» richtet Williams den Blick auf machtbesessene, (mental) alte weisse Männer und Frauen. Sie fragt, ob sie jemals über ihre biblische Bösartigkeit nachgedacht haben – ein direkter Angriff auf jene sich als «patriots» maskierende, fehlgeleitete Gestalten, die jeglichen moralischen Kompass verloren haben.

Konsequent fügt sich Bob Marleys «So Much Trouble In The World» in die Themenkette. Williams interpretiert den Klassiker eindringlicher als je zuvor, unterstützt von der grossartigen Mavis Staples, die dieser Akustik-Reggae-Version eine gänsehautevozierende, gospelnde Wucht verleiht. Die poetischen Worte des beinahe 50-jährigen Songs über Ego-Trips und Realitätsflucht könnten kaum aktueller klingen.

«Sing Unburied Sing» beschwört die Geister der Vergessenen herauf. Ein schwerer Rocksong, eine subtile, aber unmissverständliche Abrechnung mit Kolonialismus, Rassismus, verdrängter Geschichte und falschen Erlösern.

Noch direkter wird es mit «Black Tears», einem düsteren Delta-Blues über den nie endenden Bürgerkrieg Amerikas gegen die eigene schwarze Bevölkerung. Williams, selbst in Louisiana geboren, antwortet mit brennenden Kirchen, Flüssen aus Blut, Tod und Erlösung auf Alannah Myles’ Klassiker «Black Velvet» mit einer zeitgenössischen Southern-Gothic-Version.

«Punchline» fragt verzweifelt, ob Gott sich noch an seinen Plan erinnert. Lügner, Betrüger, falsche Heilversprechen, manipulierte Seelen – und jetzt? Getragen von schwerer Hammond-Orgel und schneidender Resonator-Gitarre befeuert Williams den Scheiterhaufen des amerikanischen Traums. Frei übersetzt: Verdammt Gott, mach endlich deinen Job!

«Freedom Speaks» klingt wie eine selbstermächtigende Brandrede direkt aus dem Mund von Lady Liberty: «Don’t take me for granted / Stand up and fight». Wenn selbst Gott als letzte Instanz ausfällt, bleibt nur das eigene Handeln. Es ist Zeit, das Schicksal zurückzuerobern.

Und für alle, die fragen, warum es in diesen harten Zeiten auch noch so ein schweres Album braucht, liefert Williams die abschliessende Antwort. Hymnisch, klar, unmissverständlich und mit Norah Jones am Piano und gesanglicher Unterstützung: «We’ve Come Too Far To Turn Around.» Wir sind zu weit gekommen, um jetzt umzukehren.

Bleibt zu hoffen, dass dieses wichtige Album eine ähnliche Wirkung entfaltet wie seinerzeit der ikonische Protestsong «We Shall Overcome» (welcher übrigens auf Anti-Trump Demos als «We Shall Overcomb» weiterhin ein Fanal der Hoffnung setzt!). Es wäre dringend nötig.

Eingeordnet unter Musik-Rezension Schlagworte: Americana, Lucinda Williams, Torsten Sarfert, World's Gone Wrong

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