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Insanity 61 + Slomosa + Heaven Shall Burn + Rantanplan + The Ghost Inside + The Suicide Machines + MADBALL + Half Me + Deez Nuts + Hathors + NGURU + Exorbitant Prices Must Diminish + The Kate Effect + Sandra Guitare Courage
Moortal – Gränichen
Freitag, 31. Juli 2026
Text: David Spring / Bilder: Berend Stettler
30 Jahre Open Air Gränichen. Was für ein Jubiläum! Zwei Tage mit der Crème de la Crème der (inter-) nationalen harten Musik, ein fantastisch organisiertes Festival, tausende gut gelaunter Fans und ja, dieses Jahr spielte auch das Wetter mit! Die Sonne brannte nämlich schon am frühen Freitagnachmittag erbarmungslos auf das Gelände, sodass die trockenen Verhältnisse nach der letztjährigen Schlammhölle beinahe ins andere Extrem kippten. Es sollte ein schweisstreibender, aber wundervoller Tag werden.
Bekanntlich soll nicht geändert werden, was gut funktioniert, und so ist auch am Open Air Gränichen mehrheitlich alles beim Alten geblieben. Eine merkliche Neuerung gab es allerdings und zwar die neue mobile Hauptbühne. Diese türmte sich hoch über dem Platz auf, und es brauchte tatsächlich etwas Zeit, um sich an den neuen Anblick zu gewöhnen. Auch die grosse Sponsorenwand war nicht mehr da. An ihrer Stelle gab es eine schicke Aneinanderreihung aller Poster des Festivals. Wahnsinn, so zu sehen, wie sich das Programm und die Grösse des OAG über die Jahre hinweg entwickelt haben. Auffällig waren zudem das grössere Aufgebot an Security-Einsatzkräften sowie ein Team von Crew-Mitgliedern, die immer wieder auf dem Gelände Abfall einsammelten. Gränichen, halt einfach das beste Festival ever! Eine letzte, sehr wichtige Änderung war der neue Sponsor Moretti, der für ein merkliches Upgrade in Sachen Bier sorgte, vor allem dank des leckeren alkoholfreien Dosenbiers. Danke dafür!
Doch genug Blabla, wir sind schliesslich für die Musik hier! Den sanften Auftakt übernahm Sandra Guitare Courage auf der Sounderia-Stage. Vor noch überschaubarer Kulisse präsentierte die sympathische Musikerin aus Lausanne feurige Akustiksongs mit ihrer grossartigen Stimme. Sehr schön, wie sie uns gleich zu Beginn in Erinnerung rief: «Es ist wichtig, zu hassen. Denkt an all die Politiker und hasst sie.» Herrlich! Ein besonderer Moment war auch ihre Version von «Haunting, Haunted, Haunts» von Against Me!, denn eigentlich hatte sich Sandra tierisch darauf gefreut, Laura Jane Grace zu sehen. Diese hatte jedoch leider ihre gesamte Tournee abgesagt und so war das eindringliche Cover ein mehr als willkommener Ersatz.
Danach war es mit der Ruhe vorbei. Vor der Mainstage hatten sich bereits erstaunlich viele Menschen versammelt, als The Kate Effect loslegten. Brutal, abwechslungsreich und bestens gelaunt forderte die Band das Publikum ordentlich. Dafür hatte sie einen wichtigen Gast mitgebracht: den «Wal Of Death», einen aufblasbaren Killerwal, der auf die Menge losgelassen wurde. Der richtige Gast erschien dann aber kurz darauf in Form von niemand Geringerem als Mik von Expellow. Extra vom Wacken Open Air angereist, liess sie es sich nicht nehmen, gemeinsam mit The Kate Effect dem OAG einzuheizen. Neben dem ganzen Spass fanden auch ernstere Themen ihren Platz. Die wichtigen Ansagen zu Mental Health und Kapitalismus passten hervorragend zur Band, wobei im Zusammenhang mit Letzterem natürlich der eigene Merch erwähnt werden musste. Sympathisch, selbstironisch und äusserst unterhaltsam.
Grindcore zum frühen Nachmittag? Unbedingt! Die wundervollen Exorbitant Prices Must Diminish bewiesen danach im Sounderia-Zelt, weshalb diese Kombination eigentlich an jedem Festival Pflicht sein sollte. Optisch erweckten die Bandmitglieder eher den Eindruck, als seien sie eben erst aus dem Schlafzimmer auf die Bühne geschlendert. Musikalisch klang das Ganze dafür umso vernichtender. Besonders Sängerin Alessia Mercado sorgte für offene Münder. Ihre gewaltige Stimme deckte ein beachtliches Spektrum ab, von Hardcore-Shouts über Pig Squeals bis zu tiefen Growls. Trotz des enormen Lärmpegels blieb die Musik überraschend abwechslungsreich. Dazu kamen die grossartigen Gesichtsausdrücke von Bassist Elliot Smith und Mercados herrliche Grimassen, nicht zu schweigen von ein paar pointierten, wichtigen Ansagen zur Bedeutung von DIY-Clubs und gegen das Clubsterben sowie dem Aufruf für mehr Frauen auf, neben und hinter der Bühne. Was für eine Band!
Einen deutlicheren Stimmungswechsel hätte es kaum geben können. NGURU servierten als Nächstes auf der Mainstage klassischen Ska-Punk. Die Band aus dem Bündnerland gehört längst zum Urgestein der Schweizer Szene und brachte den Platz schon am frühen Nachmittag zum Tanzen. Auch wenn NGURU meinen persönlichen Geschmack etwas weniger treffen, stehen sie exemplarisch für die musikalische Vielfalt dieses Festivals. Während Band und Publikum gemeinsam feierten, bot sich mir die erste Gelegenheit, das Gelände zu erkunden, etwas zu essen und die Füsse auszuruhen. Die Mainstage ist ohnehin praktisch überall zu hören und ohne knöcheltiefen Schlamm liess sich die Pause dieses Mal sogar richtig geniessen.
Im gut gefüllten Sounderia-Zelt wartete danach ein besonders schönes Wiedersehen. Hathors aus Winterthur legten mit saftigem, druckvollem Sound los. Sänger und Gitarrist Marc Bouffé scheint dabei einer der wenigen verbliebenen Gitarristen zu sein, die nicht vollständig auf moderne Amp-Simulationen setzen. Stattdessen standen wunderschöne Boutique-Amps und ein massiges Pedalboard auf der Bühne. Das freute das Gitarristenherz in mir. Vorzügliche Stücke wie «Love Is Such A Feeling» und natürlich das fantastische «The Valley» gingen hervorragend ab. Die markante Stimme Bouffés, das unverwechselbare Songwriting und der ganz eigene Charakter der Band bescherten uns ein tolles Highlight. Crazy, bisher hatten wir heute ausschliesslich Schweizer Acts und das auf unglaublichem Niveau!
Doch dann wurde es international. Bei Deez Nuts war ich zunächst skeptisch. Als ich die Band zuletzt an einem Openair gesehen hatte, war sie mir zu prollig und unsympathisch gewesen. Dieses Mal zeigte sie sich von einer völlig anderen Seite: bestens gelaunt, nahbar und sichtlich voller Freude. Die brachialen Grooves brachten ordentlich Bewegung vor die Mainstage, während die inzwischen melodischere Ausrichtung für Abwechslung sorgte. Deez Nuts strotzten vor Energie und nahmen sich trotz aller Wut erfreulich wenig ernst. Meine neue Lieblingsband wurden sie zwar nicht, doch dass dieser Auftritt mächtig Spass machte, darf neidlos zugegeben werden.
Im Sounderia-Zelt setzten Half Me den Nachmittag mit sehr heftigem Metalcore und extrem tief gestimmten Gitarren fort. Fast zu tief, zumindest für meinen Geschmack. Die zahllosen Bassdrops und Breakdowns holten mich weniger ab. Dazu dröhnte so viel Bass aus den Boxen, dass der Sound etwas wummrig geriet. Das störte den Grossteil der Anwesenden offensichtlich aber nicht, denn vor der Bühne ging es verdammt gut ab. Die Hamburger wirkten auch ohne viele Worte sympathisch und lieferten ihrem Publikum genau das, was es hören wollte.
Für verwirrte Gesichter und kopfschüttelndes Gelächter sorgten anschliessend MADBALL, denn als Intro-Tape wählten die New Yorker ausgerechnet einen Song von Haftbefehl. Wie bekloppt, aber eben auch sehr lustig. Danach kündigten gewaltige Riffs und peitschende Drums feinsten New York Hardcore an. MADBALL sind meiner Meinung nach immer dann am stärksten, wenn sie Vollgas geben und richtig abdrücken. Sänger Freddy Cricien war innerhalb kürzester Zeit vollständig durchgeschwitzt und stürzte sich mit vollem Einsatz ins Set. Die Musik war erwartungsgemäss nicht besonders subtil, dafür aber äusserst unterhaltsam. Vor der Bühne befanden sich allerdings auch ein paar mühsame Macker, die sich im Pit nicht gerade durch Rücksichtnahme auszeichneten und natürlich ihre verschwitzten, nackten Oberkörper präsentieren mussten. Na ja, das müsste nicht sein … Glücklicherweise blieb diese unflätige Attitüde ansonsten eine Ausnahme.
Danach erklangen endlich wieder melodischere Töne, als The Suicide Machines auf der Sounderia-Stage loslegten. Rasanter Ska-Punk ohne Bläser, unbändige Energie und vortreffliche Gute-Laune-Musik fegten durchs Zelt. Wie schon bei MADBALL zuvor wurde auch hier der leider viel zu früh verstorbene Lou Koller, Sänger von Sick Of It All, gewürdigt. The Suicide Machines waren lange mit seiner Band auf Tour gewesen. Sänger Jay Navarro dirigierte derweil das Publikum mit Leichtigkeit und suchte immer wieder den direkten Kontakt zur ersten Reihe. Sehr schön, enorm unterhaltsam und für mich eine der grossen Entdeckungen dieses Tages.
Auf der Mainstage wartete mit The Ghost Inside nun bereits der Co-Headliner. Die Band kombinierte mächtige Grooves und enorme Härte mit genügend Melodie, um nicht in stumpfsinniger Gleichförmigkeit zu versinken. Das ging gut ab, und so kam vor der Bühne rasch Laune auf. Trotzdem wirkte manches beinahe zu minutiös geplant, für Improvisation blieb kein Raum. Amps und Pedale verschwinden bei vielen modernen Bands immer mehr, während vieles vollständig vorprogrammiert abläuft. Das Resultat klingt zwar gewaltig, aber halt auch genauso wie auf Platte. Mir persönlich fehlt da etwas die Unberechenbarkeit eines Live-Konzerts.
Aber egal, denn The Ghost Inside überzeugten trotzdem und lieferten einen verdammt beeindruckenden Gig ab, erst recht, wenn man sich die Geschichte der Band in Erinnerung ruft. Unvorstellbar, was sie alles durchstehen mussten, nachdem sie 2015 in einen schweren Busunfall mit mehreren Todesopfern verwickelt gewesen waren, bei dem Drummer Andrew Tkaczyk zudem ein Bein verlor. Auf jeden Fall lieferten The Ghost Inside einen mehr als amtlichen Co-Headliner-Auftritt und hinterliessen viele glückliche Fans.
In der Sounderia servierten uns Rantanplan danach Old-School-Ska-Punk aus Hamburg, der das Publikum schnell begeisterte. Die Leute machten alles mit: Sie setzten sich hin, hüpften herum, schwangen Fahnen und natürlich wurde beim Cover des unsterblichen MGMT-Radiohits «Kids» zuverlässig mitgegrölt, bis die Zeltwände wackelten. Eine starke Ansage gegen Extremismus und für mehr Zusammenhalt kam direkt aus Bauch und Herz. Dabei fiel mir auf, dass es solch klare Worte an diesem Tag bisher überraschend selten gegeben hatte. Im Verlauf des Konzerts wurde die Party zunehmend wilder und irgendwann lag derart viel Staub in der Luft, dass man kaum noch aus dem Niesen herauskam. Ein Spass für Jung und Alt.
Als Headliner betraten schliesslich Heaven Shall Burn die Mainstage. Von der ersten Sekunde an klang das mächtig, heavy und grenzenlos episch. Brachiale Riffs trafen auf grossartige Gitarrenleads und technische Perfektion auf unbändige Spielfreude. Endlich auch eine Band, die Härte nicht nur durch endlose Breakdowns und bis zur Unkenntlichkeit tief gestimmte Gitarren definiert, sondern durch abwechslungsreiches Songwriting auf höchstem Niveau. Sänger Marcus Bischoff erschien wie gewohnt im roten Hemd und erwies sich einmal mehr als Mann der vielen Worte. Bei ihm gibt es keine doof geschrienen Songtitel, die niemand versteht, sondern charmante und authentische Gespräche mit dem Publikum. Besonders schön war der Dank an das Open Air Gränichen. Hinter diesem Festival stehe eben kein grosser Konzern, sondern ein leidenschaftlicher Verein. Der Jubel dafür war gewaltig und vollkommen verdient.
Auch Gitarrist Maik Weichert wandte sich mit einer längeren Ansage an die Menge. Wir sollten den Schwung von Tagen wie diesem mitnehmen, Autoritäten hinterfragen, Solidarität mit Schwächeren zeigen und schlicht «coole Leute» sein. Das wirkte weder aufgesetzt noch routiniert, sondern vollkommen authentisch. Musikalisch riss die Band alles nieder. Heaven Shall Burn waren brutal, rasant und unglaublich präzise. Eine Wahnsinnsshow und ein verdienter Headliner. Dass eine Band dieser Grösse weiterhin auf einem vergleichsweise kleinen Festival wie dem Open Air Gränichen spielt, ist alles andere als selbstverständlich. Fantastisch!
Den letzten Auftritt auf der Sounderia-Stage bestritten Slomosa und damit gab es endlich richtigen Stoner Rock. Ein wummerndes Intro baute Spannung auf, bis das erste Riff wie eine Explosion durch das Zelt fuhr. Danach folgten Nackenbrecher am Laufmeter. Die Musik klang sphärisch und staubtrocken, getragen von herrlichen Harmonien, starken Melodien und immer neuen Riffwänden. Vor der Bühne wurden noch einmal sämtliche Reserven mobilisiert und die Nackenmuskeln strapaziert. Meiner Meinung nach hätten dem Programm ein oder zwei weitere Bands dieser Art gutgetan, denn Psychedelic und Stoner Rock sind in Gränichen regelmässig etwas unterrepräsentiert. Umso schöner, wenn dafür eine derart geniale Band eingeladen wird.
Wer danach glaubte, die Energie sei aufgebraucht, hatte die Rechnung ohne Insanity61 gemacht. Die Luzerner verwandelten die Mainstage zum Abschluss noch einmal in ein Hardcore-Schlachtfeld. Besonders Sänger Tobias Küng schien keinerlei Müdigkeit zu kennen. Wie ein Derwisch sprintete er über die Bühne, vollführte beeindruckende Kicks und waghalsige Sprünge. Noch immer waren erstaunlich viele Menschen auf dem Gelände, die ebenfalls ein letztes Mal alles gaben. Wie viel dieser Auftritt der Band bedeutete, machte sie mehrfach deutlich. Für sie sei es etwas Besonderes, an einem so renommierten Festival derart spät spielen zu dürfen und trotzdem noch vor so vielen Leuten zu stehen. Diese ehrliche Freude machte die ohnehin sympathische Band nur noch liebenswerter.
Und so fand der erste Tag der 30. Ausgabe des wundervollen Open Air Gränichen einen krönenden Abschluss. Was für ein Fest! Auch zum Jubiläum bewies das Festival im Moortal, weshalb es für mich das beste, schönste, lauteste, am besten organisierte und schlicht fantastischste Festival der Schweiz ist. Passend dazu öffnete sich dann auf dem Heimweg der Himmel, um uns den Staub aus den Lungen zu waschen. Damit ist alles ready für den morgigen Tag!
Open Air Gränichen 2026 – De Donnstig


























































































































































