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Ulf Poschardt – Bückbürgertum

07/07/26
von Cyril Schicker

Ulf Poschardt – Bückbürgertum

Westend Verlag / ISBN: 978-3-98791-370-9
Autor: Ulf Poschardt

Text: Cyril Schicker

Die Büchertrilogie von Ulf Poschardt nimmt immer mehr Gestalt an. Auf Shitbürgertum ist nun Bückbürgertum gefolgt. Fightbürgertum macht den Dreiweiler zur gegebenen Zeit dann perfekt.

Doch an dieser Stelle ein herzliches Willkommen beim Sequel von Shitbürgertum: Bückbürgertum.

Während Shitbürger «stolz erhobenen Hauptes diese kulturelle Dominanz erkämpft oder erstrebt» hätten, setzt Autor Poschardt in seinem neuesten Buch Bückbürgertum nicht nur Satzzeichen, sondern auch ein wuchtiges Zeichen mittels vorwurfsvollem Rundumschlag. Zielscheiben sind nicht in erster Linie politische Gegner. Nein, viel mehr sind es Haltungen, die aus Autorensicht zu defensiv, zu vorsichtig – und zu gefährlich respektive zu gefällig geworden sind.

Es beginnt mit dem ebenso eingängigen wie brachialen Buchtitel. Doch wie heisst es so schön? Genau: «Never judge a book by its cover.» Die bekannte Redewendung passt hier nicht nur im übertragenen Sinn. Kaum umgeblättert wird klar: Des Poschardts Feder ist spitz, eingängig und mit spürbarem Willen zur Wirkung. Stilistisch weiter- beziehungsweise anders gedacht lebt Bückbürgertum vom schieren Informationsgehalt, Tempo und der offenkundigen Lust an der Pointe.

Ja, der Text ist wahrlich nicht auf Versöhnung getrimmt, wenn, dann schon eher auf Verhöhnung. Letzteres ist allerdings an einer Hand abzählbar, Poschardts sprachlicher Stachel steckt nun einmal bei Bückbürgertum im maroden Fleisch der Gesellschaft. Da darf die Textwirkung des Lesers Stirn durchaus einmal, zweimal, dreimal in Sorgenfalten legen.

Bückbürgertum ist allerdings nicht der neue Inbegriff für Effekthascherei. Bückbügertum ist lehrreich und zugleich unterhaltend. Ulf Poschardt unterfüttert seine Gegenwartsdiagnose mal historisch. Dann wiederum schlägt er die Brücke referenziell-(pop-)kulturell – auch wirtschaftlich, journalistisch, kirchlich und, eben, politisch.

Fast schon amüsant ist es, wenn Ulf Poschardt – als Beispiel – wegen Merz den Terz macht: «Der Spiesser erfindet für sich eine rebellische Jugend, weil Rebellion im Rückblick moralisches Kapital ohne Risiko liefert.» Recht hat er, aber das schmerzt Merz wohl trotzdem nicht.

Es ist aber auch egal, denn du findest dich darüber hinaus in der Flak-Kaserne, ähm, in bester, illustrer, spannendster Gesellschaft wieder: Günter Grass, Adolf Hitler, Benedikt XVI, Marcel Proust, Club Of Rome, Wolfgang Johann von Goethe, Berliner Philharmoniker, Angela Merkel, Vogue, Michel Foucault, Absolute Beginner, Quentin Tarantino, Charlie Hebdo, Alberto Giacometti, Family Guy, Der Spiegel, Thomas Mann, Clint Eastwood, Aldo Raine, James Bond, Suhrkamp Verlag, Helmut Schmid, Sergio Leone & Co. wieder.

Ja, Bückbürgertum ist ein wilder Ritt oder besser gesagt ein wilder Mix. Ebendiesen werte ich allerdings als Stärke, als abwechslungsreich aus Schweizer Sicht – zumal das Buch den Hauptfokus auf Deutschland legt. Apropos Abwechslungsreichtum: Leserinnen und Leser erfahren auch sonst vieles. Zeitgeistfrömmigkeit, Schweigespirale, Moralpriestertum, Virtue Signaling, moralische Rigidität, Pizza-Connection, Tube Men, Unfehlbarkeitsrhetorik und asymmetrische Demobilisierung sind einige von vielen weiteren erwähnenswerten Beispielen aka Schlagworte.

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Eingeordnet unter Weitere-Rezension Schlagworte: Anderes, Bücher, Bückbürgertum, Cyril Schicker, Ulf Poschardt

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