
One Little Independent / VÖ: 1. Mai 2026 / Art-Rock, Indie
modernwoman.band
Text: David Spring
Vielleicht kommt bald der Moment, in dem wir uns bei unseren KI-gesteuerten Overlords dafür bedanken müssen, dass in den letzten Jahren so viel künstlich produzierter Scheissdreck in die Streamingdienste gespült wurde und die Menschen dadurch echte, von Menschen gemachte Musik wieder mehr zu schätzen lernen. Das ist schön, denn nur so finden auch experimentellere, spannende Bands wie Modern Woman möglicherweise eine Nische – und somit verdientermassen Gehör.
«Johnny’s Dreamworld» nennt sich das Debüt der britischen Art-Rock-Band, die primär aus einem intimen Projekt der Songwriterin Sophie Harris hervorgegangen ist. Art-Rock ist derzeit ohnehin in aller Munde, nicht zuletzt dank dem phänomenalen und eher unerwarteten viralen Erfolg von Angine De Poitrine. Modern Woman sind merklich zugänglicher als die kanadischen Aliens. Hier findest du keine Mikrotonalitäten und auch die Rhythmen lassen sich grösstenteils ohne mathematische Fachkenntnisse auf dem Knie mitklopfen. Die ehrliche Authentizität ist hingegen auch hier zu jeder Sekunde hör- und spürbar. Schon der namensgebende Opener macht das klar: ein düsteres, lärmiges Intro, ein knackiger Basslauf, dann Harris’ bedrohliche Stimme und plötzlich eine überraschende Gitarrenmelodie. Nach nicht einmal anderthalb Minuten geschieht hier schon so viel, dass du nur fasziniert dastehst und anerkennend mit dem Kopf nicken kannst.
Mit «Neptune Girl» wird es deutlich poppiger und munterer, wobei dem süsslichen Gesang auch etwas Unbekömmliches anhaftet, wenn die sanfte Erzählung gelegentlich von furchteinflössenden Schreien durchbrochen wird. «Offerings» ist wiederum völlig anders und erwischt dich mit staubtrockenem Bass- und Gitarrensound, lasziver Stimme, jazzigem Beat und einem halben Filmorchester, das sich auf einmal schier unbemerkt in die Komposition mogelt, auf dem falschen Fuss. Es ist beachtlich, welches Klang-Kaleidoskop Modern Woman hier auffahren, vor allem, weil alles dennoch zusammenhängend wirkt. Bei all der Exzentrik merkst du, dass hier absolute Könner:innen am Werk sind, denn die vielen Song-Elemente stossen nie bloss des Effekts wegen vor den Kopf. Streicherflächen legen sich wie Nebelschwaden über treibende Rhythmen, Saxofonlinien schwanken zwischen Melancholie und Aufbegehren und immer wieder entsteht dieses Gefühl, dass ein Song jederzeit kippen könnte. Alles ist mit Bedacht komponiert. Jede bedeutungsschwangere Stille, jede vertrackte Dissonanz, jedes lärmige Chaos und jeder noch so charmant einlullende Moment sitzen genau dort, wo sie hingehören.
Inhaltlich bewegen sich Modern Woman tief im Inneren verschiedener alltäglicher Figuren und persönlicher Beobachtungen. Die Texte sind detailreich und literarisch, oft filmisch gedacht – und getragen von einer Faszination für das Unheimliche im Alltäglichen. Es geht um verzerrte Erinnerungen, um Kindheit, Moral und Verlust, um Momente der Ekstase und das darauf folgende, unausweichliche Tief. Und immer wieder um weibliche Identität in all ihren Widersprüchen. Beziehungen zwischen Frauen, obsessive Gedanken und das Unausgesprochene hinter der Oberfläche bürgerlicher Normalität finden hier ihren Platz. Diese Themen werden nie platt ausformuliert, sondern bleiben bewusst fragmentarisch, was hervorragend mit der träumerischen, manchmal verstörenden Klangwelt harmoniert und sich auch im aussagekräftigen Cover-Artwork spiegelt. Dieses, fotografiert von Sandra Ebert, wirkt zugleich natürlich und entrückt, wie ein eingefrorener Moment zwischen Idylle und Unbehagen – und unterstreicht den Anspruch der Band zusätzlich.
Am Ende ist «Johnny’s Dreamworld» eines dieser Alben, die sich nicht sofort erschliessen. Das überrascht kaum, doch genau darin liegt die Stärke. Modern Woman liefern kein leicht konsumierbares Werk, sondern eines, das Aufmerksamkeit einfordert und mit jedem Durchgang neue Facetten offenbart. Zwischen Schönheit und Unruhe haben Sophie Harris und ihre Band hier ein bemerkenswert eigenständiges Debüt geschaffen, das gerne zurückblickt und innehält, dabei aber stets den Blick nach vorne richtet. Eine Herangehensweise, die uns allen derzeit guttun würde.
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