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Dirk Bernemann – Gromzell

22/03/26
von Cyril Schicker

Dirk Bernemann – Gromzell

Edition W / ISBN: 978-3-949671-24-1
Autor: Dirk Bernemann

Text: Cyril Schicker

Glaube versus Aberglaube, Widerstreit zwischen Tod und Leben, Folklore hier, Volkstümliches da – willkommen in Gromzell.

«Gromzell», Dirk Bernemanns neuestes Werk, liegt irgendwo im Nirgendwo – und irgendwie ist sein Buch Heimatroman, bei dem irgendwann die älteste Dorfbewohnerin stirbt. 108 ist Marie geworden und Gromzell nach deren Ableben vom ruralen Idyll zum dystopischen Örtchen.

In Gromzell leben 1’068 Menschen. Marie ist da bereits abgezogen. 9 davon sind mit Marie verwandt, davon heissen 3 ebenfalls Marie. Maries Tochter Marie ist bereits vor 20 Jahren gestorben und deren Tochter Marie hat eine weitere Tochter. Auch sie heisst Marie, auch sie hat ein Kind zur Welt gebracht: Marie.

Marie 1 bis 9 sowie die >1’000 Trauernden suchen daraufhin Trost bei Gott, doch als der Tod weiter um sich greift, wächst der Drang, selbst zur Tat zu schreiten und den Dorffrieden wiederherzustellen. Ganz im Sinne von «Heimat ist ein Ort, der immer weiter und weicher wird, je weiter man sich entfernt, aber härter und enger, je näher man kommt» sind Schicksalsschläge die einzige Konstante im einst beschaulichen Gromzell.

Das Schicksal muss aber immer wieder mal Mord und Totschlag – oder ist es die Übellaune der Natur? – weichen: «Hackt es mit seinem massiven Schnabel in die Augenhöhlen Hamstillers und ist nach drei heftigen Hieben bereits im Schädelinnern angekommen. Das Tier hackt unbeirrt weiter, öffnet die Bauchdecke und zieht den Darm aus dem Körper.»

Ludwig Hirsch, Sänger, Mundartdichter und Poet, machte mit «Komm, grosser schwarzer Vogel» das Thema Tod salonfähig. Der Song vermittelt eine Leichtigkeit, die den Tod nicht als Feind, dem man nicht begegnen will, sondern als Kameraden, als Freund anerkennt. Wenn er denn kommt, so gilt es nicht, sich zu verstecken, sondern ihn zu begrüssen. Na ja, bei Dirk Bernemann beziehungsweise in Gromzell ist das (Ab-) Leben eben anders.

Apropos: Nicht nur dieses Vogelgetier, auch die Leute in Gromzell sind anders. «Der Todeshuber» gehört da noch zu den harmlosesten. Abgesehen von ihm macht die Harmlosigkeit einen weiten Bogen um Gromzell herum: «Er lag kurz darauf auf dem Boden und eine Reihe enttäuschter Gläubiger traten gegen seinen Rumpf und seinen Kopf. Bald trat Blut aus seiner Nase, seinem Mund und seinen Ohren. Sein Hals ist seltsam schief, während seine Gliedmassen abstrakt verformt wirken. Die Prügelnden hatten sich bald so sehr hochgepeitscht, dass sie nur noch auf rohes, matschiges Fleisch einprügelten.»

Selbst wenn mal keiner stirbt, so lassen die Dorfbewohner fast täglich den Wahnsinn von der Leine: «Sie nutzt ihr Bauchweh, um ein wenig in Friedhofsstimmung zu kommen.» Angesichts all dessen erstaunt es nicht, dass der gramgebeugte Gromzeller Alltag für unterschiedlichste bizarre Auswüchse sorgt. Dirk Bernemann schafft eine angenehme, sonore Grundstimmung – die durch ebendiese Bizarrerien (und viele weiteren) von innen nach aussen gestülpt wird.

In Gromzell wird Tradition hochgehalten, der Lokalkolorit ist aber pechschwarz. Da passen der eingekotete Rollstuhlfahrer, die alkoholkranke Wirtsfrau, die gescheiterte Schauspielerin, der Vogelmann, der Landwirt und Schweinebesamer Paul Schneider etc. pp. bestens ins Düsterbild. Wer mit den Werken Dirk Bernemanns vertraut ist, weiss, dass es schwer ist, etwas zu erwarten. Zu verschieden die einzelnen Romane, zu verstreut die Geschichten. Das ist bei und mit «Gromzell» nicht anders.

Im Unterschied zu Gromzell, dem Dorf, ist die einzige Konstante bei Dirk Bernemann nicht der Schicksalsschlag, sondern viel mehr sein Rundumschlag der Grossartigkeit.

Eingeordnet unter Weitere-Rezension Schlagworte: Anderes, Bücher, Cyril Schicker, Dirk Bernemann, Gromzell

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