
New West Records / VÖ: 20. Juni 2025 / Americana
jamesmcmurtry.com
Text: Torsten Sarfert
James McMurtry gehört seit über drei Jahrzehnten zu den präzisesten Beobachtern der amerikanischen Realität. Sein 1989er Debüt «Too Long In The Wasteland» (produziert von John Mellencamp) machte ihn sofort als pointierten Chronisten des amerikanischen Alltags sichtbar, der seine Protagonist:innen literarisch erlebbar macht und gesellschaftliche Brüche in einfache und eindrückliche Bilder fasst. Nun legt er mit «The Black Dog And The Wandering Boy» ein wütend-poetisches Album vor, in dem er das Amerika beschreibt, das unter Trump bewusst gespalten wurde.
Der Auftakt mit Jon Dee Grahams «Laredo (Small Dark Something)» klingt wie ein Bericht aus dem Untergrund der Nation: ein Junkie-Lamento, das McMurtry singt, als hätte er es selbst erlebt. In einer politischen Kultur, die Schwäche und Elend systematisch verdrängt, bekommt dieses Lied eine beklemmende Wucht. «South Texas Lawman» wiederum porträtiert einen alternden Sheriff, der das Altwerden nicht erträgt. Eine bittere Demontage des reaktionären Männlichkeitswahns, auf den Trumps Politik so aggressiv setzt.
«The Color of Night» legt mit kalter Präzision den Nerv einer Gesellschaft frei, in der Gewalt kein Ausnahmezustand mehr ist, sondern der traurige Alltag. Noch bissiger ist «Pinocchio in Vegas», in dem der hölzerne Junge lernen muss, ein «Asshole» zu sein, um dazuzugehören. Die einzige Möglichkeit zu überleben in einem Land, in dem Lügen Alltag und Zynismus Pflicht geworden sind.
Der psychedelic-bluesige Titeltrack «The Black Dog And The Wandering Boy», inspiriert von den Halluzinationen seines dementen Vaters, ist das Herz des Albums. Er erzählt von Verlust und Orientierungslosigkeit, wirkt aber gleichzeitig wie ein Spiegel für ein Land, das von rücksichtslosen Megalomanen getrieben und ohne Richtung ist. Noch deutlicher wird es in «Sons Of The Second Sons», wo McMurtry von denen singt, die strukturell ausgeschlossen bleiben. Eine weitere wuchtige Anklage gegen eine Politik, die bewusst Gewinner und Verlierer erzeugt, um aus Spaltung Macht zu erlangen.
«Annie», ein Duett mit der wunderbaren Sarah Jarosz, wirft einen sanften Blick zurück auf die Nachwehen von 9/11, doch auch hier dominiert das Gefühl von Orientierungslosigkeit. «Back To Coeur d’Alene» und «Sailing Away» greifen das Rastlose auf. Es sind Lieder über Erschöpfung und Leere, die zugleich vom Tourleben und dem desolaten Zustand der Nation erzählen. Den Abschluss bildet Kristoffersons «Broken Freedom Song», von McMurtry mit rauer Spoken-Word Klarheit gesungen. Die Freiheit als hohle Phrase in einem Land, das längst auseinanderfällt.
Musikalisch bleibt McMurtry meist seinem rauen, stromgitarrengetriebenen Americana treu, getragen von seiner anklagenden und desillusionierten Stimme, verfeinert durch Cello, Akkordeon, Banjo, Slidegitarre und einer von Charlie Sexton gespielten Cümbüş. Ex-R.E.M.-Produzent Don Dixon setzt kleine, aber feine musikalische Akzente und hält den Klang transparent, sodass die Texte Luft zum Atmen haben. Kein Schnörkel, kein Zuckerguss, nur brutal ehrliche Geschichten von den Lebensrealitäten der kleinen Leute.
«The Black Dog And The Wandering Boy» ist eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Zerrissenheit, eine Chronik der Opfer einer Politik, die bewusst trennt und verroht. McMurtrys Figuren – Sheriffs, Junkies, verlorene Söhne, gebrochene Träumer – tragen die Wahrheit in sich, die Trump verschleiert: dass das Land müde, gespalten und in seinen Werten verwundet ist. Kein lauter Protest, sondern ein bitteres, leises Manifest. Und deswegen hoffentlich umso wirkmächtiger in einer Zeit, in der viele es sich dreimal überlegen, sich klar zu positionieren.
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