
Freitag, 5. Dezember 2025
Bea Heartbeat (Schlagzeug), Robin Readbreat (Bass), Lauree Blaze (Gesang), Sandy Dee (Gitarre) (v.l.n.r.)
Vulvarine.com / Facebook / Instagram / Spotify
Gespräch: Roger Strebel
Zum Abschluss des Jahres bretterten Vulvarine auf ihrer FAST LANE TOUR 2025 noch einmal durch verschiedene Clubs in Deutschland, Österreich und Spanien. Im Rahmen ihres grossartigen Gigs im Backstage in München hatte ARTNOIR die Gelegenheit, mit Bassistin Robin Readbreast und Gitarristin Sandy Dee ein paar Fragen zu erörtern.
Roger: Liebe Robin, liebe Sandy, danke, dass ihr euch Zeit nehmt, mir einige Fragen zu beantworten. Für die Leser:innen von ARTNOIR ist sicher interessant zu erfahren, wer ihr seid und was euch wichtig ist.
Robin: Wir sind Vulvarine, eine fünfköpfige Frauenrockband aus Wien und wir machen Vulvarock.
Sandy: Die Bezeichnung Vulvarock haben wir für uns selbst erfunden und definiert, weil wir in unserer Musik so vielen musikalischen Einflüssen nachleben und uns zudem nicht in eine Schublade stecken lassen wollen. Eines unserer Main Goals besteht darin, zu motivieren, zu inspirieren und zu zeigen, dass man sich den Raum nehmen, füllen und auch laut sein kann.
Robin: Und wenn man sich nun fragt, was Vulvarock ist und wie das klingt, dann beschreiben wir das gerne als eine Mischung aus High-Energy Rock’n’Roll, Punkrock und Hardrock.
Ist der Begriff «Vulvarock» eine bewusste Provokation?
Sandy: Mit dem Begriff spielen wir ganz bewusst und verwenden ihn als Pendant zum Cock-Rock. Die Vergangenheit hat gezeigt: Männlich besetzte Bands gibt es nicht nur wie Sand am Meer, Männer-Bands benehmen sich auch zusehends präpotenter und nehmen viel zu viel Platz ein. Also haben wir uns gesagt: Wenn ihr Cock-Rock macht, dann machen wir eben Vulvarock, nur einfach besser, lauter und straight in your face.
Robin: Wir bekämpfen Feuer mit Feuer, gewissermassen. Aber keine Frage: Das Thema «Frauenband» ist kompliziert. Eigentlich möchten wir nicht ständig sagen müssen, dass wir eine Frauenband sind. Da das aber selbst heute noch immer nicht wirklich «normal» ist und den Fokus auf einen Aspekt legt, der die Aufmerksamkeit nach wie vor braucht, sagen wir es gerne dazu.
Österreich, als Schweizer darf ich das sagen, ist jetzt nicht der Nabel der Rockmusik-Szene. Ich bin aber sicher, dass es eine solche gibt, ich kenne sie allerdings ganz und gar nicht. Wie schaut das konkret aus bei euch in Österreich, in Wien?
Robin: Wir sind inzwischen schon rund 15 Jahre in der Wiener Rockszene unterwegs. In den letzten sieben, acht Jahren hat es einen deutlichen Aufschwung gegeben. Es haben sich viele Bands neu formiert, sowohl und vor allem in Wien, als auch in ganz Österreich. Sehr viele Bands sind gemischt bis rein weiblich besetzt. Trotzdem ist Österreich/Wien nicht der Hotspot für Rockmusik, sprich, von dieser Art von Unterhaltungsmusik.
Sandy: Wir schauen daher ganz bewusst, dass wir auch ausserhalb Österreichs spielen können, wie heute Abend in München beispielsweise. Unlängst waren wir auch in Spanien unterwegs. Damit wollen wir durchaus ausloten, wie weit wir die Grenzen ausweiten können, um uns und unser Land auf die Weltkarte der Rockmusik zu bringen. Das ist natürlich mit viel Aufwand verbunden.
Robin: Wirklich erfolgreiche Unterhaltungsmusik passiert heute in Österreich sprachlich immer noch auf österreichisch; Englisch und Rockmusik: schwierig. Man muss daher die Landesgrenzen verlassen. Dabei ist Deutschland der wichtigste Markt in Europa, ganz klar.
In den letzten rund zwei Jahren ist bei Vulvarine enorm viel passiert. Ihr wart auf grosser Tour mit Thundermother (26 Shows), habt 2025 auf Wacken gespielt und seid jetzt als Headliner unterwegs. Gleichzeitig habt ihr eine neue Leadsängerin und weitere Wechsel im Band-Line-Up hinter euch. Was passiert da gerade mit Vulvarine, wie beurteilt ihr die letzen zwei, drei Jahre im Rückblick?
Robin: Besetzungswechsel sind nie einfach. Wir mussten diesen Weg trotzdem gehen, da es in der alten Zusammensetzung sowohl zeitlich als auch auf der persönlichen Ebene nicht mehr geklappt hat. Daher ist Lauree Blaze jetzt unsere neue Frontfrau, ein Tornado, ein Powerhouse.
Sandy: Seit Gründung der Band gilt: Vollgas. Die Wechsel waren daher kein Grund, den Kopf und den Sand zu stecken. Vielmehr suchen wir stets nach Lösungen und wir haben gerade an der Gitarre immer sehr gute Substituten gefunden.
Robin: Wir wollen das erreichte Level auch unbedingt halten. Wenn also jemand krank ist oder wenn es jemandem zeitlich einfach nicht geht, dann muss Ersatz beschafft werden. Wir wollen auf keinen Fall Deals nicht einhalten und Shows in den Sand setzen.
Sandy: Unbedingt: Wer auf ein Konzert gehen will, der freut sich, der hat das in der Agenda stehen. Es geht mir persönlich ja auch so.

Rentiert sich das Projekt Vulvarine bereits?
Robin: Zur Zeit können wir von der Musik zwar (noch) nicht leben, da sind wir noch ein Stück entfernt. Das Projekt wird sich in absehbarer Zeit aber selbst finanzieren. Damit haben wir einen ganz wichtigen Meilenstein erreicht auf dem Weg zu einer Profi-Band. Dementsprechend bezeichnen wir uns aktuell noch als semi-professionelle Band. Das Ausmass an Zeit, die wir reinstecken und das Ausmass der Shows, die wir spielen, kann man als Amateurband nicht stemmen. Dazu kommt das Ranking der Shows, die wir spielen: Wacken spielst du nicht als Hobby-Band.
Vulvarine ist, zumindest aus meiner Perspektive, eine Band mit jungen Leuten. Gleichzeitig macht ihr Musik aus den 70ern/80ern und tretet als 5-köpfige Band auf. Beides erscheint mir als eine Art doppelten Anachronismus. Wie kommt sowas?
Robin: Bei Spotify gibt es zum Ende des Jahres jeweils eine Liste, in der das persönliche Musikhörverhalten ausgerechnet und beurteilt wird (Spotify Wrapped). Mein Hörverhalten entspricht dem einer 70-Jährigen.
Sandy: Mein Hörverhalten wurde hingegen auf 28 berechnet. Das ist genau das, was bei Vulvarine passiert: Wir haben so viele unterschiedliche musikalische Einflüsse, die wir zu kombinieren versuchen. Daher hat unser Publikum auch kein spezifisches Alter. Alle können irgendwie etwas damit anfangen.
Robin: Ja, genau: Kinder wie Senioren.
Sandy: Wir alle sind mit der Musik der 70er und 80er Jahre und den entsprechenden Idolen und Legenden aufgewachsen. Zudem referenzieren sich jüngere Bands, die wir auch mögen und hören, ihrerseits auf diese alten Bands.
Immer mehr Bands treten als Duo oder maximal Trio auf – selten sieht man ein 5-Piece auf der Bühne. Wie beurteilt ihr diese Entwicklung?
Robin: Das hat sicher auch damit zu tun, dass es heute viele digitale Hilfsmittel gibt. «Wir finden keinen Schlagzeuger – kein Problem, dann holen wir uns eben eine Drum-Machine.» Es ist finanziell auch leichter zu stemmen, wenn du nur zu zweit oder zu dritt bist.
Sandy: Gleichzeitig ist es einfacher, ein Duo zu managen und die Entscheidungsfindung ist deutlich weniger kompliziert. Vulvarine will aber straight-forward Rock’n’Roll machen. Das heisst: wir haben keine Minipads, keine Sachen vom Band, alles kommt aus dem Verstärker. Genau das fasziniert uns und gehört zum Feeling dazu.
Robin: Das aktuelle Album Fast Lane haben wir dann auch direkt im Studio eingespielt und das werden wir auch weiterhin so machen wollen.
What’s next: Was kann man 2026 von Vulvarine erwarten?
Robin: Wir möchten uns im ersten Halbjahr 2026 aufs Songwriting fokussieren und ins Studio gehen. Ab dem Sommer fangen wir wieder an mit Festivals. Zwar können wir im Moment noch nicht alles sagen, wir werden aber sicher am Resurrection-Fest in Spanien und beim Reload Festival in Deutschland spielen.
Sandy: Im Herbst/Winter werden wir weitere Shows spielen, diese sind allerdings noch in Planung. Und es ist uns ganz wichtig, unsere Arbeit, unsere neuen Songs, auch auf die Bühne zu bringen. Wir freuen uns daher sehr auf die bevorstehende Arbeit und das neue Kapitel, das wir zusammen mit Lauree aufschlagen wollen. Sie wird definitiv den Sound von Vulvarine entscheidend mitprägen.
Robin: Wer uns sehen will, bekommt 2026 also ganz sicher die Chance dazu.
Sandy, Robin: Danke vielmals!
Beide Bilder zVg von Vulvarine.Band. Bild 1 © Iza Rocks, Bild 2 © Sam Rockman

