
Burning Fik / VÖ: 31. Oktober 2025 / Punk, Grunge
mariaiskariot.com
Text: David Spring
Manchmal braucht es keine grossen Gesten, um die Welt zu erklären. Es reichen ein paar wütende Gitarren, ein paar scharfe Worte und der Mut, nicht alles schönzureden. Maria Iskariot aus Gent (BE) haben genau diesen Mut. Die Band besteht erst seit wenigen Jahren, macht aber im Benelux-Untergrund schon ordentlich von sich hören. «Wereldwaan» heisst nun ihr verdammt überzeugendes Erstlingswerk, und es ist einfach schön, mal wieder eine Punkplatte zu hören, die mit komplett niederländischem Gesang aufwartet.
Der Titel ist eine Wortschöpfung aus «wereld» (Welt) und «waan» (Wahn) und spiegelt das inhaltliche Konzept bestens wider. Es geht um die Überforderung des Alltags, das Suchen nach Sinn und das ständige Schwanken zwischen Glauben, Zweifel und Aufbegehren. Schon der Opener «Waaromdaarom» macht klar, dass Maria Iskariot (deren Name sich übrigens aus Maria Magdalena und Judas Iskariot ableitet – und nein, ich wusste auch nicht, dass Judas noch einen Beinamen hatte…) viele Fragen an unsere kaputte Gesellschaft haben. Statt Parolen gibt’s Zweifel, statt Gewissheit den Versuch, sich selbst treu zu bleiben, auch wenn dabei alles zu zerbrechen droht.
Mit Tracks wie dem bedrohlich post-hardcoreig angehauchten «Dat Vind Ik Lekker» oder dem wütenden Punk-Brett «Leugenaar» bringen Maria Iskariot diese Haltung auf den Punkt. Krachende Bässe treffen auf schrammlig schneidende Gitarren, die nicht selten an die Dead Kennedys erinnern, und über allem steht die gewaltige Stimme von Frontfrau Helena Cazaerck. Mit einem stellenweise beinahe zerbrechlichen Timbre, das immer wieder von grenzenloser Wut durchbrochen wird, wenn sie dir jede Silbe roh und intensiv ins Gesicht brüllt, liefert sie gewaltig ab. Dank ihrer Performance spürst du, wie viel Schmerz und Emotion in den Worten steckt, auch ohne des Niederländischen mächtig sein zu müssen. Ein gutes Beispiel dafür ist das ungehobelte «Tijm», in dem Cazaerck in bester Kurt-Cobain-Manier schreit, bis keine Luft mehr da ist. Fantastisch.
Während der Gesang fast wie ein roter Faden den Weg vorgibt, dreht der Rest der Instrumente ordentlich am Rad. «Toch Uitverkoren» wartet im ersten Teil mit einer vorzüglichen Harmonie auf und lässt dich tief in die düsteren Sphären des Post-Punks abtauchen, zeigt aber noch die eher leicht verdauliche Seite von Maria Iskariot. «Witte Rook» hingegen würde wohl selbst einen Frank Zappa aufhorchen lassen, taucht der vordergründig als Indie-Rock getarnte Song doch in abartige Klangwelten voller Dissonanz und chaotischer Wut ab. Und der Titeltrack ist so verstörend und verquert, dass es eine helle Freude ist. Cazaerck schippt noch ein paar Schaufeln Wut obendrauf, während die Instrumente alles tun, um dich so unbequem wie möglich auf deinem Stuhl rumzappeln zu lassen. Wie damals schon Die Ärzte sagten: «Puh, das war harter Stoff.»
Abgeschlossen wird dieses wundervolle Werk moderner, herausfordernder Punkmusik durch ein fast siebenminütiges Lied namens «Niets Gaat Verloren». Selbstverständlich ist hier nochmals alles anders: Der Track wartet mit einem verstaubt klingenden Piano und einer schepprigen Akustikgitarre auf und klingt dabei wie ein kaputtes französisches Chanson. Nach all dem kathartischen Chaos ist es versöhnlich und schön, im Chor «la la la la» zu singen, während die Klaviertasten malträtiert werden und die Welt auseinanderbricht. Welch Freude, damit haben Maria Iskariot das wahrscheinlich spannendste Punkalbum des Jahres geschaffen. Das wird und muss nicht allen gefallen, das wird und muss aber definitiv anecken, zum Nachdenken anregen und allen, die sich drauf einlassen, verdammt viel Freude bereiten. Genau so ist es auch! Damit bleibt nur noch zu sagen: dat vind ik lekker!
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