
Moment of Collapse / VÖ: 23. Januar 2026 / Screamo, Post-Hardcore
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Text: David Spring
Es gibt so Bandnamen, die scheinen irgendwie immer wieder aufzutauchen, und jedes Mal denkst du dir, dass du da jetzt unbedingt mal reinhören musst. Meistens wird daraus zwar nichts, weil wieder tausend andere Sachen dazwischenkommen und der Tag halt auch nur eine begrenzte Anzahl Stunden hat. Doch damit ist nun Schluss und darum hören wir uns heute «Le Sang des Pierres» von Gros Enfant Mort an. Sei gewarnt: Das wird keine leichte Kost.
Wer des Französischen mächtig ist, ahnt, dass eine Band, die übersetzt «Dickes, totes Kind» heisst, wahrscheinlich keine allzu fröhliche Musik macht. Dieser Eindruck täuscht nicht, spielen Gros Enfant Mort emotionalen Screamo und Post-Hardcore. Der Opener «Cloué au sol» verlangt dir bereits alles ab. Eine zarte, melancholische Piano-Melodie und geflüsterte Worte erzeugen eine unbequeme Stimmung, bevor die Stimme in schmerzerfülltes Geschrei zerbricht und alsbald boshafte Gitarren und donnernde Drums über dich hereinbrechen. Heavy und heftig zermalmen die Riffs dich förmlich, und wenn du dann noch wagst, einen Blick auf die französischen Texte zu werfen, bleibt dir auch das letzte Lachen im Hals stecken: «Und ich bin mehr als nur ein Wrack, verschluckt vom Zweifel. Und meine mentale Gesundheit versinkt mit jedem Tag ein Stück mehr.»
Inhaltlich geht es auf dieser Platte ebenfalls heftig zur Sache. Gros Enfant Mort thematisieren den langsamen, oft unsichtbaren Zerfall, der entsteht, wenn Erschöpfung, Depression und gesellschaftlicher Druck über Jahre hinweg unkontrolliert in unserem Innern wuchern. Die Texte handeln von Isolation und von psychischem Schmerz, aber auch von dem Unvermögen der Gesellschaft, damit wirklich umzugehen, und zwar nicht nur im Individuellen, sondern auch in Bezug auf die politischen und strukturellen Ursachen dahinter. Doch statt sich in Selbstmitleid zu verlieren, versteht die Band und allen voran Mastermind Alexis dieses Leid als Moment der Klarheit. Mehr als nur konstruktive Wut ist das Album ein schonungsloser, mutiger Aufschrei für Hoffnung und Verbesserung. «Le Sang des Pierres» ist brutal ehrlich, zutiefst menschlich und getragen von der unbeugsamen Entscheidung, weiterzumachen, egal wie hoffnungslos es manchmal im eigenen Kopf scheint.
Solch heftige Themen verlangen natürlich entsprechende Musik. Und auf dieser Ebene überzeugen Gros Enfant Mort genauso. «Seigne! Seigne! Seigne!» überrascht mit rasanten, beinahe punkigen Ausbrüchen, «Château de cartes» wirkt hingegen fast locker und verhältnismässig versöhnlich – beinahe wie eine verstörende, zerrückte Version von Billy Talent. Das kryptisch anmutende «3114» rumpelt brachial und in halsbrecherischem Tempo aus den Boxen, «Paillasson 4ever» ist verspielt und heavy, erinnert entfernt an die Gitarrenwände aus dem Hause Berri Txarrak, und das fantastische «Merci les cendres» ist auf einmal erhaben, gar euphorisch, und wächst über sich hinaus. Dieser Track markiert dann auch die Kehrtwende, den Moment, in dem das lyrische Ich nach den tiefsten Tiefen dieser furchtbaren Depression endlich wieder ein Licht sieht: «Ich verbrenne meine schlechten Träume und ich glaube, ich arbeite mich wieder nach oben. Danke an die Glut. Danke an die Asche.» Ein ultimativer Gänsehautmoment.
Mit dem finalen Titeltrack erschlagen dich Gros Enfant Mort ein letztes Mal mit allem, was sie besitzen. Das ruhige Intro zeugt von der Zerbrechlichkeit des neugefundenen Glücks, die schmerzerfüllte Stimme klingt jedoch kämpferisch und voller Mut. Die fabelhafte Gewalt des zweiten Teils zementiert den Sieg über diese erbarmungslose Krankheit und schleudert den neu gewonnenen Lebenswillen in die Welt hinaus: «Ich habe genug gelitten, ich bin bereit zu leben, und meine Narben werden mir das Lächeln nicht stehlen.» Was für ein Album, was für ein Ende! Unfassbar. Gros Enfant Mort – ich glaube, mehr gibt es dazu gar nicht zu sagen.
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