
March + Les Shirley + The High Times
Werk 21 – Zürich
Freitag, 24. Oktober 2025
Text: David Spring
Ja, draussen wird es langsam aber sicher kälter und nasser. Was will man da schon anderes machen, als sich im schnuckligen Werk 21 gleich drei vorzügliche Bands zu geben? Nicht nur spielten vergangenen Freitag die unvergleichlichen March in den heiligen Kellerhallen des Dynamos auf, sie hatten mit den wundervollen Les Shirley und den ebenso umwerfenden The High Times gleich zwei geniale Vorgruppen dabei, die den Abend zum perfekten Start ins Wochenende werden lassen sollten. Da gibt es keine Ausreden, denn heute sollte mal wieder so richtig abgegangen werden, als gäbe es kein Morgen.
The High Times aus Zürich eröffneten den Abend mit einer ordentlichen Portion guter Laune und einem druckvollen Sound, der uns die Müdigkeit der Arbeitswoche ordentlich aus den Knochen rüttelte. Sängerin Domi zog es schon nach wenigen Takten von der Bühne direkt in die Leute, die sich schnell animieren liessen. Mit charmantem Lächeln und mitreissender Energie legten die Vier los, als gäbe es kein Morgen. Der eingängige, gutgelaunte Pop-Punk der Band war wie gemacht, um den Freitagabend gebührend einzuläuten und uns so richtig einzuheizen.
Das Quartett hatte sichtlich Spass und strahlte Spielfreude aus. Nicht ohne Stolz kündigten sie uns den ersten neuen Song seit drei Jahren an. «Say» zündete dann auch sofort – mit eingängigen Gitarrenparts und ordentlich Dampf unter der Haube. Ebenfalls sehr witzig war, als uns – und vor allem den anderen beiden Bands – versichert wurde, dass das Feuer, welches früher am Tag scheinbar auf der Bühne ausgebrochen war, nichts mit ihrem folgenden Song «Damage Control» zu tun habe, und man wolle den Schaden auf der Bühne auf ein Minimum beschränken. So räumten The High Times verdient ab und bewiesen sich in den viel zu kurzen 30 Minuten Set als formidablen Opener für diesen wundervollen Abend. Immer wieder eine Freude, diese Band!

Als Nächstes legten Les Shirley aus Montreal ohne Gnade los. Mit herrlich warmem Röhrensound und einer spürbaren Rock’n’Roll-Energie brachten sie das Werk 21 in Fahrt. Der Raum war mittlerweile gut gefüllt, ohne allzu eng zu werden – genau die richtige Mischung für eine richtig gute Show im legendären Keller. Die drei Kanadierinnen waren zum ersten Mal in der Schweiz und sichtlich begeistert von der Landschaft, den Bergen und Seen und offensichtlich auch von der Stimmung im Raum. Ihre Mischung aus rotzigem Indie-Punk und packendem Garage-Rock passte perfekt und machte unmittelbar eine Menge Spass.
Neben den Songs sorgten auch die vielen kleinen Anekdoten für ordentlich Sympathiepunkte. Besonders charmant war der Moment, als Sängerin/Gitarristin Rapha ihren Support-Kolleg:innen einen Shoutout geben wollte und sich prompt im Namen irrte. Das war ihr sichtlich peinlich, was natürlich nur noch mehr Lacher einbrachte. Kurz darauf baten sie ganz schüchtern um drei Tequila-Shots, die sie, wie es sich im Dynamo gehört, umgehend bekamen, und das Ganze mündete in einer spontanen «Shots, shots, shots!»-Einlage, die das Publikum lautstark unterstützte. Rapha bewies sich immer wieder als chaotisch-charmante Geschichtenerzählerin, etwa als sie uns erzählte, wie sie eine ehemalige Bekanntschaft aus den USA Jahre später auf Instagram wiederfand und sich dieses Beinahe-Techtelmechtel als überzeugter Trump-Fan zu erkennen gab. Die Story erntete viele Lacher und einen spontanen «Trump is a fucking asshole»-Chor – sehr schön! Les Shirley sprühten nur so vor guter Laune und überzeugten mit ansteckender Spielfreude, wundervoller queer-feministischer Haltung, grandiosen Gitarren- und Bassharmonien und einer guten Portion augenzwinkerndem Rockstar-Gehabe. Eine Band, die man einfach nur ins Herz schliessen konnte.

Und dann war es endlich Zeit für die glorreichen March. Die Niederländer:innen und der eine Belgier legten mit dem wuchtigen «Head Shears» und dem brachialen «Born A Snake» los, als gäbe es kein Morgen. Mit «Fear of Roses» noch vor der Begrüssung war sofort klar, dass hier keine Gefangenen gemacht werden. Die Energie war unbändig, der Sound fett und klar, und Sängerin Fleur van Zuilen schlicht eine Naturgewalt. Es gibt wahrscheinlich kaum jemanden in der Punkrock-Welt, der ihrer unglaublichen Reibeisenstimme derzeit das Wasser reichen kann. Faszinierend, was für eine Power, was für Gefühl und Melodie sie ihren Stimmbändern zu entlocken vermag.
Die Band zeigte sich in Bestform, und die Stimmung im Werk 21 kochte. Hits wie «On High Heat» oder «Second To Destroy» liessen keinerlei Verschnaufpausen oder Längen zu, March spielten ein kompromissloses Set, das zwischen roher Wut und hymnischer Euphorie pendelte. Der neue Song «Greed» liess natürlich aufhorchen und zeigte die Band ungewohnt wütend, politisch und vor allem heavy. «Fuck billionaires!», skandierte Fleur, und das Publikum jubelte. Der Song passte perfekt ins bisherige Repertoire und machte tierisch Bock auf das neue Material, das die Band im Köcher hat. Mit dieser grossartigen neuen Single nicht genug, gab es gleich noch zwei weitere bisher ungehörte Songs, für welche die energetische Frontfrau dann ihre Gitarre zur Seite legte und sich kurzerhand nur mit dem Mikro bewaffnet in die Meute begab. «Sisters Of Rage» erinnerte mit einem groovenden Riff und fast sprechgesangsartigen Vocals an Rage Against The Machine, der wütende, feministische Text passte wie die Faust aufs Auge. Der dritte neue Song im Bunde war auf der Setlist als «Sceptics» aufgeführt und zeigte March von ihrer klassischen Punk’n’Roll-Seite: unaufhaltbar, eingängig und mitten in die Fresse.

Neben all den Riffs und den glorreichen Songs wussten March auch menschlich zu überzeugen. Irgendwann wurde auf der Bühne eine Flasche Bier verschüttet, worauf zwar ein paar Lappen auf die Bühne gelegt wurden, das Aufputzen blieb dann aber an Bassist Jeroen und Gitarristin Hermance hängen, die während dem Spielen die Bühne um Fleur herum putzten. Wenn das mal nicht DIY ist! Hermance feierte am heutigen Abend zudem ihren Geburtstag, was das gutgelaunte Publikum natürlich umgehend mit einem Happy-Birthday-Ständchen zu feiern wusste. War die Saitenhexerin sichtlich gerührt, musste Fleur derweil vor allem ob der offensichtlichen Ähnlichkeiten zwischen Schweizerdeutsch und Niederländisch schmunzeln. March waren an diesem Abend nicht aufzuhalten – unvergleichlich sympathisch und witzig, aber auch einfach eine unfassbar gute, schweisstreibende und mitreissende Punkband.
Als das eingängige «Reaper’s Delight» und das glorreiche «Nothing Ever Really Dies» erklangen, war klar, dass langsam, aber sicher das Ende in Sicht kam. Der Raum tobte, die Leute tanzten und feierten ekstatisch, und die Band kam aus dem Grinsen nicht heraus. Mit dem fulminanten «Heart Undressed» verabschiedeten sich March schliesslich nach einer intensiven Stunde Punkrock-Leidenschaft. Zugaben gab es keine, doch das war auch gar nicht nötig. The High Times, Les Shirley, March und das Werk 21 – die perfekte Kombination. Drei fantastische Bands, grossartige Stimmung, ehrlicher Schweiss, laute Gitarren und ganz viel Herz. Mehr braucht es wirklich nicht, um einen nasskalten Herbstabend in Zürich in eine kleine, leuchtende Erinnerung zu verwandeln.

