
Rote Fabrik – Zürich
Sonntag, 28. Juni 2026
Text: Roger Strebel
Mein Weg ans Konzert vom vergangenen Sonntagabend in der Roten Fabrik in Zürich fiel buchstäblich ins Wasser. Kaum losgefahren, geriet ich in einen Gewitterregen sintflutartigen Ausmasses. Da jedoch Agriculture angesagt waren, die mit ihrem ekstatischen Black Metal ein schon fast intellektuelles Hörerlebnis auf die Bühne bringen, und im Vorfeld auch noch Wolfer zwischen Knickschlepper und Rosenbeet herumschlichen, tat ich, was auch Philip Maloney (by Roger Graf) in solchen Situationen immer tut: Sache durchziehen. Zugegeben, ich hatte optisch auch schon eine bessere Falle gemacht; gestört hat’s letztlich aber weder mich noch sonst jemanden.

Also stand ich vor Nässe triefend unbeeindruckt in der ersten Reihe und wartete gespannt auf das Konzert von Wolfer. Da ich das Trio aus Bern, bestehend aus Julia Wolf, Miriam Wolf und Miles Zuberbühler, vor gut zwei Jahren zufällig live on Stage gesehen hatte und die Band seither in meine Top 5 der Schweizer Musikszene aufgenommen habe, wusste ich zwar recht genau, was mich erwarten würde; begeistert hat es mich aber auch dieses Mal wieder aufs Neue. Es ist dieses ganz eigene Konglomerat aus harten Riffs und die Seele umschmeichelnden Harmonien. Es ist dieser Abgesang aufs Leben, auf den bloss ein paar Songzeilen später der Aufstieg des Phönix aus der Asche folgt. Der Opener «Your Glory» stand/steht schon beinahe modellhaft für die eng umschlungene Zerrissenheit der Musik von Wolfer. Und wenn Wolfer mit «Carol» mal einen ziemlich poppig anmutenden Song schreiben, folgt mit «Talk A Walk», den die Band in letzter Zeit und so auch am vergangenen Sonntag häufig als Schlusspunkt inszenierte, ein umso härteres Brett. Da Wolfer intensiv an einem neuen Album arbeiten, ist zu befürchten, dass «Talk A Walk» nicht mehr ewig auf der Setlist verbleiben wird. Ach, wie werde ich diesen Song in seiner live-Version vermissen. Und a propos neues Album: gleich drei Versatzstücke daraus gab die Band in der Roten Fabrik zum Besten und zeigte dabei auf, in welche Richtung es (wiederum) gehen dürfte: eingängige Taktfolgen scheinen in disruptiven und sperrigen Riffs zu versinken, um sodann auf schon fast wundersame Art und Weise wieder zu einer neuen Harmonie zurück zu finden. Wolfer schlichen also nicht nur zwischen Knickschlepper und Rosenbeet umher, sondern mach(t)en auch Musik, als ob ein Knickschlepper durchs Rosenbeet führe, ohne auch nur eine einzige Blüte zu touchieren.

Die Metapher vom Knickschlepper im Rosenbeet trifft durchaus auch auf Agriculture aus Los Angeles zu, ist letztlich aber sicher eine, wenn nicht gleich zwei Ligen zu tief angesetzt. Denn da wo Wolfer mit ihrem besagten Konglomerat aus harten Riffs und feinen Harmonien ende(te)n, setz(t)en Agriculture erst ein. Zu Beginn wähnte man sich zwar eher an einem Jazz- denn an einem Black Metal-Konzert; Dan Meyer (Gesang, Gitarre) und Kern Haug (Schlagzeug) jammten mal eine Runde. Die für die Band typischen, markdurchdringenden Schreie von Leah B. Levinson (Gesang, Bass) wie in «My Garden» oder «Micah (5:15am)» liessen allerdings nicht lange auf sich warten, um sogleich schon fast folkigen Klängen wie in «Dan’s Love Song» Platz zu machen. Grossartig und mein persönlicher Favorit «Bodhidharma» zeigt(e), dass Leah B. inmitten von Post-Metal Gitarrenwänden und meditativen Gitarrenklängen auch zerbrechlich kann. Black Metal scheint bei Agriculture also (bloss) das Grundgerüst des künstlerischen Schaffens zu sein, dem die Band beinahe unzählige weitere Genres hinzufügt.

Nach rund einer Stunde harter Arbeit erzählte Dan vom Abyss Festival, an dem Agriculture tags zuvor gespielt hatten und vom Bad, das die Band im See … «what’s the name of it…., oh, yeah, Zurich» genommen hatte. Sein heutiger zweiter Aufenthalt in Zürich sei zudem deutlich angenehmer gewesen als sein aller erster, in dem er als Transit-Tourist für acht Stunden irgendwo auf dem Flughafen versauert sei. Aus der Konversation mit dem Publikum tauchten dann irgendwie die Zahl drei und die Einschätzung von Dan auf, dass ein dreistündiges Konzert bei dieser Hitze definitiv nicht drin liegen würde. Da heute aber ihr letzter Gig der aktuellen Tour sei, würden sie noch drei weitere Songs spielen. Richard Chowenhill liess sich das nicht zweimal sagen und offenbarte in «Flea» sogleich seine Hochgeschwindigkeitskünste an der Gitarre. Passend zu einem Sonntagabend verabschiedeten sich Agriculture in der Folge mit dem Song «Living Is Easy», der in ein nicht mehr enden wollendes Outro mündete und das Publikum bestens gelaunt in die Sommernacht entliess. Inzwischen hatte auch der Regen aufgehört und ich konnte ohne eine weitere Dusche meinen Heimweg unter die Räder nehmen. Das Leben fühlte sich in der Tat ganz leicht an.

