
Exil – Zürich
Mittwoch, 10. Juni 2026
Text: Roger Strebel
Wieder einmal hatte ich mich an ein Konzert von Kunstschaffenden verirrt, die ich nur vom Hörensagen kannte. Und so sitze ich danach also vor meinem Laptop und frage mich, wie um alles in der Welt ich den Bericht zum Konzert von Wargasm (UK) vom vergangenen Mittwochabend im Exil in Zürich nur schon beginnen soll. Noch völlig geflasht von der Performance schwirren mir unzählige Gedanken, Fragen, Emotionen und Eindrücke durch den Kopf und verursachen dort ein monströses Chaos.
«Nur der Kleingeist hält Ordnung, das Genie überblickt das Chaos» sagt ein oft Albert Einstein zugeschriebenes Zitat. Was Wargasm unter ihrem eigenen Motto «A sordid collusion of euphoria and violence», das gross und an Stelle des Namens der Band auf der Bühne prangte, aufführten, kam der Beherrschung des Chaos auf jeden Fall ziemlich nahe. Ein wilder Mix aus Nu Metal, Hip-Hop und Elektro-Pop brachten das Exil in seinen Grundfesten zum Beben und entlock(t)en mir mental das Prädikat: ziemlich gut. «Fuck You». Und wer mit den Schweizerischen Gepflogenheiten vertraut ist, der weiss, dass ziemlich gut weit mehr ist, als bloss ein lauwarmes Kompliment.

«Wargas, wargasm, one, two, three, ….. masturbate, watch on TV ….» und später «…. Body bags and dropping bombs ….» heisst es nicht bei Wargasm aber in «Wargasm» (einem bissigen mehrschichtigen Anti-Kriegssong) von L7 und damit bei jener Amerikanischen Riot Grrrl Punkrock-Band aus den 1980/90er-Jahren (aktiv bis heute), die Wargasm den Namen gab resp. das britische Duo bei der Namensgebung und ganz offensichtlich auch beim genannten Motto tüchtig inspirierte. Will aber auch heissen: eine mächtige Prise Punk war da auch noch mit im Spiel, was bei Sam Matlock, dem Sohn von Glen Matlock (Bassist der legendären Sex Pistols) auch nicht weiter verwunderlich ist. «Fuck You».
Wer «A sordid collusion of euphoria and violence» ankündigt, der muss natürlich auch Euphorie und Gewalt liefern. Da ich Wargasm ja bereits das Prädikat ziemlich gut attestiert habe, wird klar, dass sie dies auch taten; eine gute Stunde Vollgas mit einem Moshpit nach dem andern und einer Crowdsurfing-Einlage von Sam Matlock zu Hits wie «Do It So Good» oder «Bang Ya Head». Und da war auch noch der Tanz um die Disco-Kugel an der Decke des Exil-Clubs, die irgendwer zünftig ins Schwingen gebracht hatte (hoffentlich fällt die nicht runter, ging es mir, mutmasslich als einzigem (altem Knacker) durch den Kopf), der in Summe Publikum und Band gleichermassen ins Schwitzen brachte. Ob Letzteres den Ausschlag gab für Milkie Ways knappen Bikini samt Patronengurt bleibe dahingestellt. Ihr Outfit brachte mich zwar nicht aus dem Häuschen, beschämt wegschauen mochte ich aber auch nicht. Hetero Mann bleibt hetero Mann; ein Heuchler bin ich bestimmt nicht. «Fuck You».

Spätestens jetzt muss ich wohl zu meiner Verteidigung anfügen, dass ich definitiv nicht dem vulgären Sprachgebrauch verfallen bin, sondern lediglich wiedergebe, was uns Wargasm an diesem Abend u.a. so alles mitteilen wollten. Wobei: es gab da auch «Love you, Zurich», «I know why I like this town» und weitere Liebeserklärungen an das Publikum und an die Limmatstadt. Und wenn wir schon bei Erklärungen sind: Gewalt gab es keine!!!, aber eine gewaltige Performance von Milkie Way, Sam Matlock und ihren drei Live-Bandmitgliedern, die (die Performance) vom Publikum ab der ersten Sekunde abgefeierte wurde und mich zur Erkenntnis brachte, dass ein alter Glam-Rocker durchaus Gefallen finden kann an einer virtuos und ohne Wenn und Aber vorgetragenen Nu Metal Crossover-Show.
Mit dem letzten «F…». … aber lassen wir das jetzt, sind zwar der Einstieg in den Konzertbericht und ein paar Zeilen darüber hinaus geschafft, nicht aber der Bericht als Ganzer. Im Gegenteil: jetzt kommt nämlich noch der Anfang vom Anfang, jetzt kommt noch eine grosse, wenn auch nicht lange (wer will schon x Seiten lesen) Würdigung von Mimi Barks und deren Auftritt.

Die mittlerweile in London lebende deutsche Rapperin mit schwerer Schlagseite in Richtung Metal und Industrial (sie selbst bezeichnet ihren Musikstil als Doom Trap, wenn man den von mir konsultierten Quellen Glauben schenken will) passte perfekt zum Aufgalopp in den Konzertabend. Zuerst in üppigem Mantel, zum Start des zweiten Songs «Dreamstate Of Hell», den Mimi Barks im April diesen Jahres veröffentlichte, dann in einem Kostüm, das ich als Mieder-Zwangswesten-Hybrid bezeichnen würde, heizte Mimi Barks schon mal tüchtig ein.
Das zu Beginn noch etwas verhaltene Publikum entdeckte von Song zu Song mehr Lust auf einen Moshpit und liess die Künstlerin gegen Schluss ihres Auftritts einmal quer durchs Exil surfen. Ich, der alte Glam-Rocker, wusste zwar nicht, was in der Folge mit Wargasm noch auf mich zukommen würde. Eine Vorahnung hatte Mimi Barks aber auf eindrückliche Art und Weise geliefert und sich ihrerseits das Prädikat ziemlich gut mehr als verdient.
Setlist [Quelle: Wargasm]
- Backyard Bastards
- Vigilantes
- Bad Seed
- Fukstar
- Pyro Pyro
- Venom
- Bang Ya Head
- Small World Syndrome
- Feral
- D.R.I.L.D.O.
- Spit.
- Do It So Good

