
Inside Out Music / VÖ: 6. Februar 2026 / Prog-Rock
karnivool.com
Text: Michael Messerli
Wer die Band Karnivool schon länger kennt, wird wohl bei jedem neuen Vergleich mit Tool mit den Augen rollen. Verständlich. Wer aber zum ersten Mal von ihr hört, hat damit eine erste Ahnung, was einen erwartet. Die Frage ist nur, welche Phase von Tool man dafür heranziehen soll. Stellt man «In Verses» beispielsweise «Fear Inoculum» gegenüber, dann glänzen Karnivool mit mehr Melodie und Abwechslung. Die Australier waren in ihrem Progrock schon immer ein Spürchen poppiger. Auf dem Vorgänger «Asymmetry», der bereits ganze 13 Jahre zurückliegt, ist «Eidolon» das diesbezüglich kompletteste Beispiel. Der andere herausragende Song war damals «We Are», der den Pop mittels des Gesangs perfekt in die rhythmische Komplexität eingeflochten hat.
Man musste also sehr lange warten, bis die Band aus Perth zurückkehrt. Aber es hat sich gelohnt. Vor allem, wenn man die zugänglichen Parts schon immer mochte. Was die Progrock-Hardliner von «In Verses» halten, wird sich zeigen. Grundsätzlich haben jedoch alle ihre Gelegenheiten, abgeholt zu werden. Spätestens nach den ersten Minuten von «Conversations» müssten alle mit im Fahrzeug sitzen. Und wer zum Schluss bei «Salva» nicht erweicht, steht vermutlich vorwiegend auf Achterbahnfahrt.
Dabei geht das schon mit den ersten Tönen gut los. «Ghost» eröffnet «In Verses» mit einer Bandbreite, die das Wesen von Karnivool kaum besser zusammenfassen könnte. «Drone» groovt fast entspannt vor sich hin und hat einen Refrain, an dem man hängen bleibt. Das bereits 2021 veröffentlichte «All It Takes» und das darauffolgende, anspruchsvollere «Remote Self Control» tragen eine gewisse Härte in sich. Damit kratzen sie «In Verses» doch noch ein wenig auf.
Karnivool gelingt es hervorragend, mit progressiven Strukturen Schönheit zu erschaffen. «In Verses» ist eine Rückkehr, die ein neues Publikum erschliessen könnte, ohne das bestehende zu vergraulen. Eine nicht überfordernde, wunderbare Prog-Entdeckung, die unter anderem von Ian Kennys Gesang getragen wird. Ein Song wie das opulente, orchestrale «Opal» hat das zwar gar nicht mehr nötig und wer Kitsch sowie Pathos vermutet, findet hier die meisten Indizien. Aber ganz ehrlich: Ein bisschen Kitsch und Pathos schadet manchmal nicht.
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