
Bakraufarfita Records / VÖ: 15. August 2025 / Punk
100-kilo-herz.com
Text: David Spring
Stillstand ist keine Option. Was wie eine musikjournalistische Plattitüde klingt, ist manchmal eben doch nicht ganz verkehrt. Die Brass-Punk-Band 100 Kilo Herz zum Beispiel scheint ununterbrochen auf Achse zu sein. Das letzte Album ist kaum zwei Jahre her, dann gab es noch eine EP, ein paar ziemlich turbulente Besetzungswechsel und nun mit «Hallo, Startblock» das neuste Werk. Und oh boy, das gute Teil kann was!
Vorneweg, für die, die es noch nicht wissen: Nur weil 100 Kilo Herz allerlei Bläser in der Band haben, ist das noch lange kein Ska! Nein, die Jungs aus Leipzig gehen volle Pulle nach vorne und sind eine astreine Punkband, halt einfach mit Trompeten und Posaunen. Das merkst du schon beim peitschenden Opener «Eh Ok», der druckvoll und melodiös aus den Kopfhörern ballert. Die eingängigen Brass-Riffs und die knallenden Drums gehen vorzüglich ab und du findest dich schnell mit geballter Faust in der Luft wieder. «Der letzte Tag», ein geniales Feature mit Lisa-Anna von Ell, drückt das Gaspedal noch weiter durch und zeigt schön (und mit einem grossartigen WIZO-Zitat) den eher fatalistisch anmutenden Ton der Platte: «Das ist der letzte Tag, der Kreis wird zum Quadrat, der Vorhang fällt, der Film ist jetzt zu Ende». Sehr schöner Gänsehautmoment.
«Im selben Boot» ist auch so ein Knaller, der zukünftig sämtliche Festivalplätze in Schutt und Asche zerlegen wird. Gut gelaunt, treibend und mit herrlich deprimierendem Text ziehen 100 Kilo Herz hier sämtliche Register. Eigentlich kann man nur kotzen, wenn man sich den Text zu Gemüte führt, so kaputt und destruktiv ist unsere Gesellschaft. Erst recht, weil der Track die vielleicht frohgemutetste Melodie der Platte hat. Doch genau dieser Gegensatz hämmert die Botschaft erst so richtig effektiv heim. Wir alle sehen tagein, tagaus, wie es mit unserer Welt den Bach runtergeht, und versuchen jeden Tag aufs Neue, die Hoffnung nicht zu verlieren. Dieses Gefühl von Kampfgeist und «Wenn Resignation, dann zusammen!» fängt die Band wundervoll ein. Als ob dir mit diesen Songs der perfekte Soundtrack zum Ende unserer Tage zugespielt worden ist.
Die Dichte an Textzeilen, die dir die Haare auf den Armen aufstehen lassen und sich mit Zetermordio in deinem Herzen einkrallen, ist bemerkenswert. Sei es eine vor Wut brodelnde Hasstirade wie «Leben und sterben lassen» (nebenbei einer der besten Songs des Jahres!), eine wütende Abhandlung mit all den alltagsrassistischen, Stefan-Raab-feiernden, sonntags-die-Kirche-besuchenden, heimatliebenden Normalbürgern wie «Dazugehören» oder ein fast schon resignierter Abgesang auf das wuchernde Schwurblertum im Internet in «Muss man wissen», 100 Kilo Herz finden genau die richtigen Worte. Es ist trotzdem nicht alles nur Endzeit-Gejammere: «Mit dir» zum Beispiel ist ein durchaus gefühlvolles Liebeslied und «Wir sind hier nicht in Seattle» (feat. Jack Pott) eine humorvolle Betrachtung des Lebens in der Provinz. Doch wenn zum Schluss «Dem Untergang geweiht» verklingt, bleibt trotz der munteren Bläser vor allem das Gefühl zurück, dass das letzte Kapitel unserer Gesellschaft unweigerlich angebrochen ist.
Ja, es stimmt: Stillstand war nie eine Option und wird es auch nie sein. 100 Kilo Herz liefern mit «Hallo, Startblock» ein fantastisches Album ab, musikalisch kompromiss- und rastlos, dabei gerade positiv genug, um nicht völlig die Hoffnung zu verlieren, und inhaltlich pointiert, spitzzüngig und wundervoll wütend. Genau ein Album also, wie viele von uns es derzeit gebrauchen können. Wenn alles irgendwie nur noch schlimmer zu werden scheint: Immerhin haben wir die Musik und mit 100 Kilo Herz ein paar Menschen, denen es genauso geht.
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