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Winterthurer Musikfestwochen 2026 – Tag 10

15/08/26
von Patricia Taubert

Wilder Ritt mit Wolf Alice in Winterthur

musikfestwochen.ch
Wolf Alice + Matt Maltese + Keo

Steinberggasse – Winterthur
Freitag, 14. August 2026

Text: Patricia Taubert

Die Steinberggasse lag schon fast vollständig im Schatten des Freitagabends, als die vierköpfige Besatzung von Keo mit den dicksten Sonnenbrillen auf die Bühne spazierte und den Auftakt machte. Zwischenansagen brauchte es keine, die Songs sprachen von Beginn an für sich und zogen langsam, aber sicher, immer mehr Menschen vor die Bühne. Ihr Wiedererkennbarkeitsfaktor – und das im positivsten Sinne – sind die Shoegaze-lastigen Gitarren, kombiniert mit dem emotional aufgeladenen Gesang des Frontmanns. Die Blicke des Publikums blieben förmlich am schmerzverzerrten Gesicht Finn Keoghs haften. Zustimmendes Kopfnicken von allen Seiten gab es für Songs wie «I Lied, Amber» oder «Pistol». Fans der Alt-Rock-Formation Wunderhorse, aber natürlich auch alle anderen, sollten sich das auf jeden Fall nicht entgehen lassen.

Den auf den ersten Blick schrägen, aber gleichzeitig so wunderbaren Kontrast schaffte der zweite Support-Act Matt Maltese. Mit stoischer Gelassenheit und verschmitztem Grinsen betrat er die Bühne, als wäre er gerade erst von einem Nap im Tourbus aufgewacht. Dass das definitiv nicht der Fall war, bewies er aber ab dem ersten Ton. Während bei Keo noch verhältnismässig wenig Stammhörerschaft vertreten war, stiegen nun schon einige links und rechts um mich herum zu den romantischen Texten des Briten ein. Der sanfte Indie-Pop, gespielt nur auf Klavier und Bass, passte perfekt auf den Winterthurer Sonnenuntergang und sorgte für den ein oder anderen melancholischen Seufzer. Kein Wunder, immerhin wurden die absoluten Lieblinge ausgepackt – so zum Beispiel «Everyone Adores You (At Least I Do)» oder «As The World Caves In». Matthew Maltese war sich des Schnulzen-Potentials seiner Songs durchaus bewusst und verstand es, die rührselige Stimmung mit Kommentaren wie «Befindet sich hier jemand aktuell in einem Liebesdreieck? Du dort mit der gehobenen Hand auf jeden Fall nicht, dafür siehst du viel zu glücklich aus» zu durchbrechen. Ausserdem werde ich den absolut legendären schwarzen Cowboyhut des Bassisten an Matt Malteses Seite so schnell nicht vergessen.

Als es dann endlich Zeit für den unter Fans bereits bekannten silbernen Glitzervorhang wurde, füllte sich der Platz vor der Bühne rasch, Aufregung und Vorfreude waren deutlich zu spüren. Es gefiel mir zu hören, dass sich unter das Winterthurer Volk einige britische Stimmen mischten, die den Weg für Wolf Alice auf sich genommen haben. Was in der nächsten Stunde folgte, liess mir die Kinnlade nach unten schnellen. Zwar war ich mir bereits über die Stimmgewalt der Frontfrau Ellie Rowsell bewusst, das Ganze dann jedoch noch einmal live vor mir zu sehen, war einmalig. Mit «Bloom Baby Bloom», einem der beliebtesten Tracks des aktuellen Albums «The Clearing», starteten sie in den Abend und gönnten dem Publikum kein bisschen Verschnaufpause.

Es war ein wilder Ritt zwischen den rocklastigeren Tracks der letzten zehn Jahre und den beinahe schon verträumten Pop-Tönen. Im einen Moment riss sich Ellie Rowsell die High Heels von den Füssen und rannte zu «Yuk Foo» schreiend und schwitzend über die Bühne, im nächsten stand sie wie festgewurzelt vor dem Mikrofon und liess die Fan-Herzen mit «Don’t Delete The Kisses» höherschlagen. Alle Anwesenden kamen auf ihre Kosten und das Grinsen konnte sich spätestens ab dem dritten Song niemand mehr verkneifen. Dabei wusste ich häufig gar nicht so genau, wohin ich zuerst schauen soll: Zur Frontfrau im ikonischen Kleid mit Zeitungsprint auf dem gebührenden Podest, zu Bassist Theo Ellis, dessen Hüftschwung sich über seine Gitarre direkt ins Publikum überschwappte oder auf den professionellen und eher streng dreinschauenden Drummer Joel. Sichtlich begeistert vom Vibe der Musikfestwochen scherzten sie gekonnt über die Lärmbelästigung in der Innenstadt und befeuerten anschliessend die Masse noch ein wenig mehr. Die Leichtigkeit, mit der die Band zwischen den Genres von «Rockoper bis West Coast Rock» (so steht es auf der Website der Musikfestwochen geschrieben) hin und herwechselte, war ebenso beeindruckend wie mitreissend. Nach einem knapp 90-minütigen Ritt durch die Gefühlswelt aller anwesenden Teenager und Mittvierziger ging der Abend, für meinen Geschmack viel zu früh, zu Ende. Mit Queens «Bohemian Rhapsody» als Rausschmeisser-Song war die Party dann selbst nach dem eigentlichen Konzert noch nicht vorbei.

Egal, ob sie nun im ausverkauften Finsbury Park in London spielen oder vor der 5’000-köpfigen Crowd in Winterthur, Wolf Alice sind sich für keine Venue zu schade. Und genau das macht sie für mich zu einer der sympathischsten Rock-Bands, die derzeit wohlverdient rund um die Welt touren. Bis zum nächsten Konzertbesuch vertreibe ich mir die Zeit damit, die eigenen vier Wände mit Discokugel und schimmerndem Vorhang zu verschönern.

Wolf Alice Setlist Musikfestwochen 2026, The Clearing

Winterthurer Musikfestwochen 2026 – Tag 1
Winterthurer Musikfestwochen 2026 – Tag 3
Winterthurer Musikfestwochen 2026 – Tag 8
Winterthurer Musikfestwochen 2026 – Tag 9

Eingeordnet unter Konzertbericht Schlagworte: Alternative Rock, Festival, Indie, Patricia Taubert, Rock, Steinberggasse, Winterthur, Winterthurer Musikfestwochen

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