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Alcest im Kiff

17/08/26
von Roger Strebel

Alcest im Kiff

Alcest + Kabbel

KIFF – Aarau
Donnerstag, 13. August 2026

Text: Roger Strebel / Bilder: Melissa Mangold

Im musikalischen Schaffen von Stéphane «Neige» Paut spielen Töne und Klänge, ich komme später darauf zurück, eine herausragende Rolle. Der Name seines Projekts Alcest ist daher mit Bedacht gewählt. Gleichzeitig mag die Wahl dieses Namens auch etwas verwundern, ist Alceste doch die Hauptfigur in Molières «Le Misanthrope»; Alcest ein Menschenfeind? Wohl kaum. Um die Band vom Stück und möglicherweise auch von Alceste abzugrenzen, liess Neige das «e» kurzerhand weg. Allerdings und um diese Geschichte zu Ende zu erzählen, ist Alceste in Tat und Wahrheit gar kein Menschenfeind, sondern jemand, der (lediglich) unter der Heuchelei und Arschkriecherei der Gesellschaft am Hof von Louis XIV leidet.

In ihren Shows vereinnahmen Alcest das Publikum Mal für Mal mit Haut und Haaren und entführen es in eine Welt voller Leidenschaften, Sehnsüchte und Illusionen. So auch am vergangenen Donnerstagabend im KIFF in Aarau. Während die beiden Gitarren einen sphärischen Klangteppich woben, der traumtänzerisch mäandrierend durch den Raum schwebte, sorgten Bass und Schlagzeug für die nötige, tragisch schöne Härte und Erdung. Natürlich fehlte auch der für Alcest typische kathedralische Gesang nicht, der nur ab und an durch Neiges Schreigesang abgelöst wurde.

Mit «L’Envol» aus dem aktuellen Album Les Chants de l’Aurore von 2024, der einen auffordert, sich einer Gruppe magischer Vögel anzuschliessen und über die Grenzen der uns bekannten Welt hinaus zu fliegen, eröffneten Alcest ihr Set. Das gleichermassen schlichte wie opulent daherkommende Bühnenbild, das zwei Kraniche vor einer kreisrunden, mal blutrot, pink oder grün leuchtenden Sonnen- oder Mondscheibe zeigt (soweit meine Interpretation), nahm die Botschaft von «L’Envol» geradezu wortwörtlich auf, passte aber gleichermassen zu allen Songs, die noch folgen sollten. 

Neben «Améthyste» (Les Chants de l’Aurore) hatten Alcest auch «Sapphire» aus Spiritual Instinct von 2019 im Programm. Trotz englischen Namens ist der Text in einer Kunstsprache gehalten, was Neige die Möglichkeit eröffnet, Laute und Klänge noch besser auf das musikalische Arrangement abzustimmen; eine Methode, die Alcest auch bei anderen Liedern anwenden. 

Noch weiter zurück in der Bandgeschichte reisten Alcest mit «Ecailles De Lune (Part II)» aus dem gleichnamigen Album Écailles De Lune von 2010. Eine grossartige Post-Black-Metal/Shoegaze Hymne untermalt mit fantastischen, mitunter schon fast zarten Gitarrenklängen und, wie bereits erwähnt, melancholisch kathedralischem Gesang auf Französisch. Indes, man kann es drehen und wenden wie man will, Französisch ist und bleibt die Sprache der Romantik und ist daher geradezu wie gemacht für Alcest. Ebenfalls auf Französisch gesungen ist der Text in «Le Miroir» (Spiritual Instinct), dem direkt anschliessend gespielten Song. In der im KIFF gespielten Live-Version eröffneten Gitarren und Gesang den Track. Das in der Folge einsetzende Schlagzeug sorgte alsbald für eine mitreissende Dynamik, machte für den Schlussteil dann aber (wieder) Platz für wunderbar tranceartige musikalische Tiefen.

Zum Schluss des Sets begeisterten Alcest das zahlreich erschienene, grossartig gelaunte, bunt gemischte und nach Abkühlung lechzende Publikum dann noch mit «Autre Temps», dem Titeltrack des 2012 veröffentlichten Albums Les Voyages De L’Âme; die Reisen der Seele, was für ein Albumtitel. Inhaltlich behandelt der Song die Vergänglichkeit des Lebens.

Für Eröffnung und Support sorgten Kabbel, eines von mehreren Musik Solo-Projekten von Gregory Hoepffner aus Göteborg und Paris. Hoepffner ist Art Director, Videokünstler und Musik Produzent. Als solcher hat er auch das aktuelle Album von Alcest (Les Chants de l’Aurore) mitproduziert. In ihrem Sadcore erinnerten mich Kabbel wiederholt an Depeche Mode und deren Klangteppiche aus Synthesizer basiertem Sound. Der spannende Mix aus eher ruhigeren Songs (Wave, No More XTC, When The War Is Over) und fetten Dance-Grooves wie «Fiction Clouds», «You Don’t Matter» kamen beim Publikum sehr gut an. Sehr toll zur Geltung kam auch der Gesang von Hoepffner, der spielend leicht zwischen normaler Stimmlage und Kopfstimme hin und her wechselte. Mit auf der Bühne stand ein Bassist, der durchgehend live mitspielte. Nur all zu gerne hätte ich Hoepffner zugerufen, er möge auch (all) die anderen Instrumente seiner Arrangements live, sprich, mit Band, performen.

Alcest Setlist Kiff, Aarau, Switzerland 2026, Les Chants de l’Aurore
Kabbel
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Eingeordnet unter Fotoreportage, Konzertbericht Schlagworte: Aarau, Alcest, Black Metal, Kabbel, KIFF, Melissa Mangold, Metal, Roger Strebel

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